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Das Überwachungsnetz wird dichter | Das Ministerium für Wahrheit
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»Big Brother is watching you«
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das Benthamsche Programm,
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»Big Brother is watching you« - das ist ja schon wieder das Benthamsche Programm, nunmehr in fast vollendeter, reif gewordener Gestalt: Der »Große Bruder« als ein irdischer »Adam Kadmon «, ein aus Millionen und Milliarden Menschen zusammengesetzter Riesenmensch und die Projektion der totalitären kapitalistischen Gesellschaft auf sich selbst, besteht aus den Millionen Augen der fordistischen Medien, des Marketings und der Demoskopie. Dabei hat sich sogar die äußere Überwachung des Menschenmaterials durch bürokratische Apparate nicht nur des Staates, sondern auch der kapitalistischen Unternehmen und der kommerziellen Medien in den fordistischen Weltmarkt-Demokratien gegenüber den rohen staatsdiktatorischen Formen noch einmal verstärkt.
1964 veröffentlichte dazu der kritische US-Publizist Vance Packard eine Untersuchung, in der er die schleichende Ausweitung von Kontrollapparaten und damit der universellen Beobachtung aufzeigt, wie sie bereits den Alltag durchdrungen hat: »Wir schreiben das Jahr 1964. Wir sehen Mama in einer der Kabinen eines Warenhauses, wo sie ein neues Kleid anprobiert. Eine hinter einem dreiteiligen Spiegel versteckt eingebaute Fernsehkamera nimmt alles auf, was in der Kabine vor sich geht, um darüber zu wachen, daß Mama nicht etwa irgendwelche Sachen heimlich in ihrer Tasche verschwinden läßt. Papa finden wir derweil in seinem Büro, wo er mit einer Gruppe von Kollegen am Konferenztisch sitzt und über die Arbeit seiner Abteilung spricht. Der neben ihm sitzende Kollege gehört einem Detektivbüro an, das in allen amerikanischen Staaten Zweigstellen unterhält. Er ist heimlich von der Firma, in der Papa arbeitet, eingestellt worden, um das Verhalten und die Arbeit der höheren Angestellten des Betriebes ständig zu beobachten. Ein zweiter mit Nachforschungen betrauter Mann führt im gleichen Augenblick von irgendwoher mit Papas Bank ein Telefongespräch über die Höhe seines Bankkontos und irgendwelche noch nicht zurückgezahlten Darlehen [...] Sohn John, nach absolvierter Hochschule, sitzt unterdessen auf einem etwas anderen Stuhl, ein luftgefüllter Schlauch ist um seinen Brustkasten und eine Elektrode an seiner Handfläche befestigt. John hat sich um den Posten eines Verkaufsvertreters in einem Elektronikkonzern beworben. Er muß sich nun dem üblichen Lügendetektortest unterziehen, durch den seine Rechtschaffenheit, seine Männlichkeit und eventuelle gefährliche Gewohnheiten geprüft werden sollen. Währenddessen unterhält sich ein anderer Ermittler mit Johns ehemaligen Professoren, um sie über die politischen Ansichten zu befragen, die John als Junge möglicherweise in Klassendiskussionen geäußert hat. Tochter Mary, ein reizendes Mädchen, das noch zur Schule geht, plagt sich in diesem Moment auf ihrem Platz in der zweiten Klasse einer Oberschule mit einem aus 250 Fragen bestehenden Fragebogen. Sie soll der Wahrheit gemäß Fragen beantworten, wie: Hast du den Eindruck, daß deine Eltern häufig Streit miteinander haben? - Haben deine Eltern mit dir schon jemals über sexuelle Dinge gesprochen? - Machst du dir Sorgen wegen deiner Menstruation? Sollten Marys Eltern von dieser Befragung zufällig etwas erfahren, würde man ihnen jede Auskunft über Marys Antworten sowie deren Auswertung und Bewertung verweigern [...] Gibt es unbestimmte Kräfte in unserer modernen Welt, die das Privatleben des einzelnen zu vernichten drohen? Und wenn es solche unbestimmten Kräfte tatsächlich gibt, schaffen sie die Voraussetzungen für den Totalitarismus, der zur Gefahr für die persönliche Freiheit des modernen Menschen werden könnte? Dies sind die Fragen, über die es nachzudenken gilt, wenn wir das seit kurzem ungeheure Wuchern der Beobachtung, Überprüfung und Kontrolle anderer und den Austausch von Informationen über andere zu erforschen trachten. Jede dieser neuartigen gesellschaftlichen Kontrollarten, der wir begegnen, tritt uns im Gewand einer vernünftigen Maßnahme entgegen. Und bei einigen lassen sich möglicherweise sogar komische Wesenszüge erkennen [...]«(Packard 1964, 7f.). Packard sieht hier nicht nur den Totalitarismus mitten in der heiligen ersten Marktwirtschaftsdemokratie, er verweist dabei auch ausdrücklich auf die schleichende Realisierung von Orwells »1984«. Aber als bloß empirischer Kritiker kommt er nicht darüber hinaus, dem fordistisch inkarnierten Liberalismus die selber schon Orwellschen liberalen Ideale gegenüberzustellen und das »Recht auf Privatheit« einzuklagen. Packard merkt nicht, daß jene »unbestimmten Kräfte« (keineswegs zufällig erinnert die Formulierung an Enzensbergers Gedicht über jenes unnennbare Etwas, »das keine Farbe hat, das nach nichts riecht«) gerade aus den kapitalistischen Konstitutionsbedingungen jener vermeintlichen »privaten Freiheit« selber hervorgehen, die in Frage zu stellen ihm nicht in den Sinn käme. Mit ermüdender Regelmäßigkeit stellt sich heraus, daß Macher wie Opfer, Befürworter wie Kritiker die im Laufe der kapitalistischen Entwicklung immer dichter gewordene Matrix Benthamscher Steuerungs- und Kontrollmechanismen beschreiben, ohne das ebenso klare wie perfide Bewußtsein dieses Urliberalen über den wahren Charakter von Demokratie und Marktwirtschaft, über die Identität von kapitalistischer Freiheit und totaler Kontrolle jemals wieder zu erreichen. So findet auch Packard jede Menge Fallbeispiele für das unaufgeforderte und unverschämte Eindringen bürokratischer wie kommerzieller Ausforschungen, Zudringlichkeiten und Belästigungen in die persönliche Sphäre, vom Handel mit persönlichen Daten zwecks gezielter Briefkastenwerbung bis zum (damals schon in den USA üblichen) unangemeldeten telefonischen Verkaufsgespräch, ohne daß der Charakter einer totalen Käufer-Verkäufer-Gesellschaft dabei über haupt zur Sprache kommt. Außerdem kommt natürlich das totalitäre Wesen des fordistischen Vollkapitalismus nicht allein in der Zunahme von Ausforschungs- und Kontrollmechanismen zum Vorschein, sondern mehr noch in der forcierten wechselseitigen Beobachtung und Kontrolle der funktionalistisch getrimmten Gesellschaftsmitglieder auch schon im Alltag; schließlich in der Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle der individuellen »Arbeitskraft« durch ihr fordistisches Überich: Bin ich, bist du, sind wir leistungsfähig genug, schön genug, angepaßt genug? Liege ich im Trend, gehe ich mit der Zeit, bin ich konkurrenzfähig? Die »Gedankenpolizei« der fordistischen Demokratie ist auch in dieser Hinsicht viel raffinierter und auswegloser als der Zugriff aller Geheimpolizisten in den rohen, bloß staatstotalitären Durchsetzungsformen. Und das gilt auch für jene »Orwellsche Sprache«, das »Neusprech«, das ja im Grunde schon seit mehr als zweihundert Jahren die Sprache des Liberalismus war, auf dessen Namen selber alle Attribute dieser doppelbödigen Schizo-Sprache zutreffen. Wenn es im Namen des »Großen Bruders « heißt: FREIHEIT IST SKLAVEREI, dann braucht man diesen Kernsatz nur umzudrehen, um die erzliberale Maxime zu bekommen: SKLAVEREI IST FREIHEIT, nämlich die bedingungslose und freudige Unterwerfung unter die »Naturgesetze« der marktwirtschaftlichen Gesellschaftsphysik, seit Hegel philosophisch legitimiert in jenem totalitären Satz: »Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit«. Das gilt auch für die anderen beiden Parteiwahlsprüche im Staat des »Großen Bruders«: KRIEG BEDEUTET FRIEDEN - niemand weiß das besser als die NATO alias »demokratische Staatengemeinschaft« in ihrer Eigenschaft als selbsternannte Weltpolizei; und UNWISSENHEIT IST STÄRKE - wer könnte diese Maxime besseren Gewissens unterschreiben als der demokratische Massenkonsument, der umsichtige Produzent destruktiver Weltzerstörungswaren und der betriebswirtschaftlich bornierte Manager, deren Lebens- und Erfolgsfähigkeit systematische soziale Ignoranz voraussetzt? Auch nur gedanklich diese Welt eines geschlossenen gesellschaftlichen Wahnsystems von Grund auf in Frage zu stellen heißt schon, »out« und ein Fremder in der eigenen Gesellschaft zu sein, oder, wie es in »1984« heißt: »Das Gedankenverbrechen zieht nicht den Tod nach sich: das Gedankenverbrechen ist der Tod« (Orwell 1995/1949,28), nämlich der soziale Tod. Auf die totalitäre fordistisch-demokratische Marktwirtschaft trifft in einem weit höheren Maße und weitaus intensiver als in den protofordistischen Diktaturen zu, was Orwell über das System des »Großen Bruders« und das darin herrschende »Zwiedenken« sagt: »Es war nichts weiter nötig als eine nicht abreißende Kette von Siegen über das eigene Gedächtnis. Wirklichkeitskontrolle nannten sie es; in der Neusprache hieß es Zwiedenken [...] Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigen Vertrauens seiner Hörer bewußt zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einander ausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, daß sie einander widersprachen, und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen [...] zu vergessen, was zu vergessen von einem gefordert wurde, um es sich dann, wenn man es brauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauf erneut prompt wieder zu vergessen; und vor allem, dem Verfahren selbst gegenüber wiederum das gleiche Verfahren anzuwenden. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewußt die Unbewußtheit vorzuschieben und dann noch einmal sich des eben vollzogenen Hypnoseaktes nicht bewußt zu werden. Allein schon das Verständnis des Wortes Zwiedenken setzte eine doppelbödige Denkweise voraus« (Orwell, a.a.O., 34 f.). Dieses Zwiedenken als eine Art negative Dialektik der gesellschaftlichen Bewußtlosigkeit (und, wiederum ähnlich wie bei Gottl-Ottlilienfeld, eine grausame Karikatur auf die bewußt negatorische Haltung emanzipatorischen Denkens und Handelns) wurde in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts zwar staatstotalitär eingeübt, blieb aber in dieser Form relativ leicht durchschaubar und ebenso oberflächlich wie der bloß ideologische Konformismus. Natürlich waren auch dabei schon Verinnerlichungsprozesse neuen Typs am Werk, wie sie übrigens in jeder religiösen und politischen Sekte, überhaupt in jedem auf repressiver Zwangsvergesellschaftung beruhenden Gruppenkonformismus zu beobachten sind. Aber aus einer Sekte kann man austreten und aus dem totalitären Staat heraus wenigstens in die »innere Emigration« gehen, also den totalitären Konformismus bloß noch wie eine Leibesübung vollziehen, ohne sich innerlich weiter erfassen zu lassen. Aus dem totalitären Markt aber kann man nicht austreten, und die »innere Emigration« ist hier nur in einem ganz abstrakten Sinne möglich, eben weil die eigene Subjektivität bereits zwanghaft auf den Marktprozeß, die Geldform, den Warenkonsum, die Konkurrenz, die kapitalistischen Medien konditioniert worden ist. Aus sich selbst kann man nicht austreten wie aus einer bloß äußeren Zumutung. Und hier beginnt schon das vom totalitären Markt geforderte Zwiedenken: die Zwänge werden durchaus als Zwänge erlebt, aber gleichzeitig als eigene Willensform, weil man ja sonst »zu nichts kommt«. Das Bewußtsein ist rückgekoppelt auf den allgegenwärtigen Marktmechanismus, unablässig den eigenen abstrakten Nutzen kalkulierend und gleichzeitig sich selbst propagandistisch betrügend: ARBEITSQUAL IST SELBSTVERWIRKIICHUNG, KONKURRENZANGST IST SELBSTBEHAUPTUNG, LEISTUNGSWAHN IST SELBSTERFAHRUNG, UNSELBSTÄNDIGKEIT IST SELBSTVERANTWORTUNG, TOTALE SELBSTAUSIIEFERUNG IST SELBSTBEFREIUNG, eben mit einem Wort: SKLAVEREI IST FREIHEIT. Oder, um es mit Rimbaud zu sagen, der schon fast hundert Jahre zuvor wußte, was das innere Selbstbewußtsein des fordistischen Menschen der Weltmarkt-Demokratien werden sollte: »ICH IST EIN ANDERER«. Freiheit ist, zu wissen, was der »Große Bruder« oder »der Wohltäter«, der totalitäre Markt, von mir wollen könnte, es vorauszuahnen und mich in bedingungslosem vorauseilendem Gehorsam danach zu richten, um stets unter das passende Joch der Arbeitsmärkte zu kriechen. Und dieser totalitäre Markt bestraft postwendend jedes von »Gedankenverbrechen« ausgelöste »Fehlverhalten «; unerbittlicher als jede Lautsprecherstimme eines bürokratischen Überwachungssystems ist die paranoide »Stimme im Kopf«. Freiheit ist also das genaue Gegenteil von freier, selbstbestimmter Zwecksetzung der Gesellschaftsmitglieder, die ja eben gerade nicht in bewußter Absprache über den Einsatz der gemeinsamen, hochgradig vergesellschafteten Ressourcen entscheiden. Erst in der fordistischen Gestalt wird die unheimlich subjektlose, anonyme Macht der kapitalistischen Maschine zum totalen Weltverhältnis; erst jetzt kommen der ökonomische und der technische Mechanismus zur vollen Deckung. Es handelt sich keineswegs bloß um eine neutral zu beschreibende strukturelle Verschiebung in der gesellschaftlichen Reproduktion, wenn die letzten Reste des »traditionellen Sektors« von der fordistischen Warenwelt aufgesaugt werden. Diese Welt ist eine total ausgepreiste: alle Gegenstände des Gebrauchs vom Buch bis zur Zahnbürste, vom Weinglas bis zum Apfel, von der CD bis zum Kugelschreiber, sind mit ekligen kleinen Preisschildchen beklebt, die sich übrigens nur mühsam entfernen lassen; man muß sie abkratzen und dabei hinterlassen sie häßliche Flecken, oft wird die Oberfläche der Gegenstände beschädigt, oder der zähe Leim bleibt an den Fingern kleben. Es sind Millionen von derartigen Kleinigkeiten, in denen sich die stoffliche, materielle Objektivierung des totalitären Marktes niederschlägt und die vom Bewußtsein gar nicht mehr als die Absurditäten wahrgenommen werden, die sie sind. Ob Kinder und alte Leute hilflos vor den Fahrkartenautomaten mit ihrer grotesken Preiskomplexität stehen, ob die Konsumenten an den Funktionsweisen ihrer Geräte herumrätseln, um den vorgesehenen Gebrauch vollziehen zu können, ob die »Beschäftigten« in riesigen Fertigungsketten Dinge zusammenfügen, deren Sinngehalt völlig außerhalb ihrer Bestimmungsmöglichkeiten liegt: auf Schritt und Tritt folgt der weltweit realisierte fordistische Mensch den zur objektiven »Umwelt« geronnenen kapitalistischen Zeichensystemen, bleibt stehen, wenn es verlangt wird, setzt sich in Bewegung, wenn das Signal dafür aufleuchtet, empfindet Mitleid oder Empörung, wie die Medien es überwältigend vorprogrammieren, trifft »persönliche Entscheidungen«, deren Alternativen längst aufbereitet sind und nur noch »angekreuzt« werden können. Die kapitalistische »Wirklichkeitskontrolle« scheint vollkommen. Nicht mehr die bürokratische Zensur der staatstotalitären Diktaturen, die an den alten Absolutismus erinnerte, bestimmt den Inhalt der vollendeten fordistischen Massenmedien, sondern die programmierte Selbstzensur der medialen Institutionen. Das ist keineswegs bloß die bekannte »Schere im Kopf« bei der Darstellung und Interpretation brisanter oder entlarvender Geschehnisse, also die bewußte Rücksichtnahme auf marktwirtschaftlichen Konformismus, demokratische Staatsräson, die Interessen von Kunden und Auftraggebern, populistisch angereizte Stimmungslagen des in seinen Empfindungen fast schon nach Belieben an- und abschaltbaren Menschenmaterials usw.. Vielmehr findet die vorstrukturierende Zensur gewissermaßen osmotisch in der kommerziellen Orientierung, ja schon in der technologischen Form der Medien statt, die in ihrer kapitalistischen Verfaßtheit ganz unbewußt wirkt.Es handelt sich ja bei diesen Medien nicht um die Organisierung einer gesamtgesellschaftlichen Kommunikation für den freien Austausch von Informationen oder die offene Diskussion gemeinsamer Angelegenheiten, sondern auch in dieser Hinsicht um eine strukturelle Trennung von Produzenten und Konsumenten, die nicht kommunikativ, sondern bewußtlos wirkt: Auf allen Kanälen spricht immer der »Große Bruder«, und zwar um so mehr, je kommerzieller sie ausgerichtet sind. Finden sich in den staatlich-politischen Medien (diktatorischen wie demokratischen) noch Kümmerformen einer ideologisch nach Staatsräson und Grenzen des Erwünschten vorgefilterten Debatte und Kultur (auch hier ist die Zensur nicht scharf gefaßt, sondern wirkt wie von selbst und bloß halb bewußt), so funktionieren die kommerziellen Medien sowieso nur noch nach Kriterien der Rendite und damit nach »Einschaltquoten«. Das Resultat ist dann unvermeidlich die Reduktion des Inhalts auf nervlich-emotionale
Berührungen (Sensationen) eines Publikums, das durch die fordistische Arbeit ausgelaugt und durch die maschinelle oder bürokratische Gleichförmigkeit seines Daseins bereits derart abgestumpft ist, daß es äußerst grobe Reize und rohe Empfindungen durch den Schein des Unerhörten und nie Dagewesenen braucht, damit es überhaupt noch erreicht werden kann. Auch in dieser Hinsicht funktioniert das kapitalistische System in seiner zur totalitären Reife entwickelten Gestalt als ein auf sich selbst rückgekoppeltes: Nachdem die Menschen durch das objektivierte Zwangsverhältnis zu gelangweilten Funktionsrobotern eines ihnen vorausgesetzten Selbstzwecks degradiert worden sind, dürfen sie ihren auf dieser geistigen Reduktionsstufe noch möglichen »Konsumentenwillen« entfalten, und die Bedingungen ihrer Abstumpfung können ihnen als ihre eigene freie Entscheidung zurückgespiegelt werden. Totale Mobilmachung Kapitalistische Totalisierung ist nicht möglich ohne eine entsprechende Mobilisierung. Auch dieses zweite Stichwort der fordistischen industriellen Revolution erfüllte sich im großen gesellschaftlichen Maßstab erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Und auch in dieser Hinsicht waren die staatstotalitären Diktaturen nur eine spezifische Durchsetzungsform dieser Mobilisierung, die ihren militärischen Ursprung in der industriellen Kriegführung seit dem Ersten Weltkrieg nicht verleugnen konnte. Militärische »Mobilmachung« war unter diesen Bedingungen viel mehr und etwas ganz anderes als zu den Zeiten der unmotorisierten offenen Feldschlachten von Fußsoldaten und Reitern, die trotz aller Kanonen noch keine tief gestaffelte industrielle Logistik und soziale Begleitmobilisierung verlangten. Im Zeichen der Zweiten industriellen Revolution erforderte aber nicht nur der Krieg eine Mobilisierung vielfältiger zusätzlicher Reserven. Die Gesellschaft als Ganzes mußte überhaupt in eine beschleunigte Bewegung auf allen Ebenen und Gebieten versetzt werden, um die beschleunigte und verdichtete Akkumulation des Kapitals tragen zu können. Nachdem der erste Anlauf des Fordismus in den 20er Jahren gescheitert war, setzte die erweiterte »Mobilmachung« sowohl in den Demokratien als auch besonders in den staatstotalitären Diktaturen zunächst auf der propagandistischen und politischen Ebene an. Die US-Philosophin Hannah Arendt (1906-1975) widmete diesem Aspekt in ihrem 1951 erschienenen Buch über »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft« besondere Aufmerksamkeit: »Nichts ist kennzeichnender für die totalitären Bewegungen im allgemeinen und für die Qualität des Ruhmes ihrer Führer im besonderen als die verblüffende Schnelligkeit, mit der sie vergessen, und die verblüffende Leichtigkeit, mit der sie ausgewechselt werden können [...] Diese Bestandlosigkeit hat sicher etwas [...] zu tun [...] mit der Bewegungssüchtigkeit totalitärer Bewegungen, die sich überhaupt nur halten können, solange sie in Bewegung bleiben und alles um sich herum in Bewegung versetzen [...] gerade diese außerordentliche Umstellungsfähigkeit und Kontinuitätslosigkeit ist, wenn es überhaupt so etwas gibt wie einen totalitären Charakter oder eine totalitäre Mentalität, zweifellos ein hervorragendes Merkmal [...]« (Arendt 1991/1951,495 f.). Es ist offenkundig, daß auch Hannah Arendt hier nur die staatlichpolitische Seite im Auge hat. Was vor diesem Auge vorbeizieht, sind die endlosen Massenaufmärsche, Fackelzüge, rituellen Demonstrationen, Paraden und »lebenden Bilder« in den großen Stadien, mit denen die staatstotalitären Diktaturen die Mobilisierung der Massen inszenierten. Ludendorff, der irre Stratege des totalen Krieges, sprach in diesem Sinne auch von einer »seelischen Mobilmachung« (Ludendorff 1935, 26). Aber gerade eine Formulierung wie diese hätte stutzig machen müssen. Denn der Begriff einer »seelischen Mobilmachung« geht über die beschränkten Intentionen seines Schöpfers hinaus; er ist nicht nur im militärischen, völkischen, staatskapitalistischen oder überhaupt politischen Sinne zu verstehen. Es liegt sogar nahe, dabei an die »geheimen Verführer« (Vance Packard) der späteren massiven Werbekampagnen für den kapitalistischen Massenkonsum zu denken. Nur scheinbar steht die gesichtslose, von den Diktaturen oder demokratischen Übergangsformen politisch mobilisierte Masse der ersten Jahrhunderthälfte im Gegensatz zum kommerziellen Kult des Individuums als »Verbraucher« in den Nachkriegsdemokratien. Vielmehr kann das eine, die in den Aufmärschen mobilisierte Masse, als die Einübung des anderen, des isolierten Konsumenten- Individuums, verstanden werden. Es ist die Dialektik von gesichtsloser Masse und nicht weniger gesichtsloser abstrakter Individualität, wie Theodor W. Adorno (1903-1969) und Max Horkheimer (1895-1973) 1944 in ihrer »Dialektik der Aufklärung« bemerken: »Jeder ist nur noch, wodurch er jeden anderen ersetzen kann: fungibel, ein Exemplar. Er selbst, als Individuum, ist das absolut Ersetzbare, das reine Nichts« (Adorno/Horkheimer 1997/1944, 168). Dieser in den Weltkriegen und politischen Massenbewegungen geformte Status der Nichtigkeit setzt sich in der »seelischen Mobilmachung« der individualisierten Nachkriegs-Kommerzmenschen nicht nur fort, sondern vollendet sich erst: Es handelt sich nur um zwei verschiedene historische Aggregatzustände der kapitalistischen Mobilisierung mit dem Resultat einer »Pseudoindividualität« (a.a.O., 177). Das aus dieser Geschichte hervorgegangene kapitalistische Individuum der Marktwirtschafts- Demokratien dementiert sich selbst: »Es wird nur so weit geduldet, wie seine rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen außer Frage steht [...] Das Individuelle reduziert sich auf die Fähigkeit des Allgemeinen, das Zufällige so ohne Rest zu stempeln, daß es als dasselbe festgehalten werden kann [...] Nur dadurch, daß die Individuen gar keine sind, sondern bloße Verkehrsknotenpunkte der Tendenzen des Allgemeinen, ist es möglich, sie bruchlos in die Allgemeinheit zurückzunehmen [...]«(a.a.O., 177f.). Das »freie« demokratische Nachkriegs-Individuum ist nichts als das von der politisch-militärischen Maschine genormte und gepreßte »Exemplar«, das nur losgelassen wurde, um für den weiteren kommerziellen Gang der Weltmaschine verfügbar zu sein. Der neue Kult der Individualität, wie er die zweite Jahrhunderthälfte prägen sollte, setzt durch seine »lügenhafte Unterschiebung des Stereotypen fürs Individuelle« (a.a.O., 179) das Schicksal der gesichtslosen, automatenhaften Masse nur mit anderen Mitteln fort; die von der Werbung, den Moden und Konjunkturen in Gang gehaltenen Konsumenten-Individuen sind nicht weniger, nur anders fremdbestimmt als die Massen der Aufmärsche: »personality bedeutet ihnen kaum mehr etwas anderes als blendend weiße Zähne und Freiheit von Achselschweiß und Emotionen« (a.a.O., 191). Wie vorher die genormten Massen, so sind nun die aus dieser Masse hervorgegangenen genormten Individuen Objekte der kapitalistischen Mobilmachung. Sie werden permanent »in Bewegung« gehalten durch die Imperative eines Systems, das ihnen keinen Eigensinn mehr läßt. In ihrer Fixiertheit auf die totalitären politischen Massenbewegungen der ersten Jahrhunderthälfte übersieht Hannah Arendt völlig, wie sehr ihre Formulierungen über das Wesen des Totalitarismus exakt den Charakter und das Weltverhältnis des totalitär werdenden Marktes und damit der westlichen Demokratie selber wiedergeben. Die »verblüffende Schnelligkeit des Vergessens « - worauf träfe diese Kennzeichnung besser zu als auf die kapitalistischen Konjunkturen, die keine menschliche Entwicklung mehr sind, sondern nur noch der Durchgang gleichgültiger Inhalte durch die gespenstische Selbstbewegung des Geldes? Die »Leichtigkeit der Auswechslung« - was wäre damit präziser benannt als die universelle Gegenständlichkeit der Waren, denen die zum Gegenstand reduzierte Persönlichkeit universell auswechselbarer Menschen entspricht? Und was könnte »bewegungssüchtiger« sein als der Kapitalismus selbst, der sich als industrielles Schneeballsystem in der Tat »nur halten kann, solange er in Bewegung bleibt und alles um sich herum in Bewegung versetzt«? Wo wäre »außerordentliche Umstellungsfähigkeit« eine größere Tugend als in der demokratischen Weltmarktwirtschaft, wie wir es ja gerade heute wieder gepredigt bekommen von den Einpeitschern der permanenten »Anpassung« an einen blinden und destruktiven ewigen »Strukturwandel«? Und was schließlich könnte eine radikalere »Kontinuitätslosigkeit« repräsentieren als der geschichtslose universelle Markt, der in einer Art von zeitlosem ökonomischen Nirwana seine immergleiche, auf sich selbst bezogene Bewegung vollzieht? 1947 schrieb in diesem Sinne der schweizerisch-amerikanische Architekt und Theoretiker Siegfried Giedion, selber ein Promoter der fordistischen Welt, in plötzlich aufscheinender negativer Erkenntnis bezogen nicht etwa auf den europäischen Staatstotalitarismus, sondern auf die »Herrschaft der Mechanisierung« in den am weitesten fordistisch entwickelten USA: »Die öffentliche Meinung beurteilt Erfindungen und Produkte ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihres kommerziellen Erfolges. Diese Einstellung wird damit entschuldigt, daß man sagt: >Wir blicken nicht zurück, sondern nach vorn<. Damit wird die Zeit, die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft, geleugnet. Was zählt, ist allein der gegenwärtige Augenblick. Spätere Epochen werden diese Zerstörungsakte, diesen Mord an der Geschichte, nicht verstehen« (Giedion 1987/1948, 14). Die Mobilisierung der Massen in politischer (das heißt positiv auf den Staat bezogener) Form, wie sie im späten 19. Jahrhundert die Sozialdemokratie erfunden hatte, wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also in der Durchsetzungsgeschichte der Zweiten industriellen Revolution, zum allgemeinen Bewegungsgesetz des Kapitalismus, der nicht mehr anders als in massendemokratischer Gestalt weiterexistieren konnte. Der staatlich-politische Totalitarismus war auch hinsichtlich der »Mobilmachung« nur eine spezifische Erscheinungsform dieser viel allgemeineren Entwicklung. Auf der Höhe des Fordismus konnte das kapitalistische ökonomische Schneeballsystem nur unter Mobilisierung aller Reserven weitergewälzt werden. Dem »Mord an der Geschichte« (der erst viel später in der postmodernen Version explizit und positiv formuliert werden sollte) lag als übergreifendes Moment die Einheit von Totalisierung und Mobilisierung kapitalistischer Massenproduktion zugrunde. Was dieses »Bewegungsgesetz« wirklich bedeutet und welche Entwicklungslinie es weiterführt, bringt wiederum Hannah Arendt mit überraschender Deutlichkeit zum Ausdruck, wobei sie abermals viel mehr sagt, als sie selber weiß: »Hinter dem Anspruch auf Weltherrschaft, den alle totalitären Bewegungen stellen, liegt immer der Anspruch, ein Menschengeschlecht herzustellen, das aktiv handelnd Gesetze verkörpert, die es sonst nur passiv, voller Widerstände und niemals vollkommen erleiden würde [...] das Bewegungsgesetz [...] läuft in jedem Falle auf ein Gesetz der Ausscheidung von >Schädlichem< oder Überflüssigem zugunsten des reibungslosen Ablaufs einer Bewegung hinaus, aus der schließlich gleich dem Phönix aus der Asche eine Art Menschheit erstehen soll [...] Die Friedhofsruhe, die nach klassischer Theorie die Tyrannis über das Land legt [...], bleibt dem totalitär regierten Land so verwehrt wie Ruhe überhaupt. Zwar sind seine Bewohner allen in freier Spontaneität entspringenden Handelns oder auch nur Tätigseins beraubt; dennoch werden sie in dauernder Bewegung gehalten als Exponenten des gigantisch übermenschlichen Prozesses von Natur oder Geschichte, der durch sie hindurchrast [...] Das Wesen totalitärer Herrschaft [...] ist der Terror, der aber nicht willkürlich und nicht nach den Regeln des Machthungers eines einzelnen (wie in der Tyrannis), sondern in Übereinstimmung mit außermenschlichen Prozessen und ihren natürlichen oder geschichtlichen Gesetzen vollzogen wird [...] Terror in diesem Sinne ist gleichsam das >Gesetz<, das nicht mehr übertreten werden kann. Diese terroristische Stabilisierung soll der Befreiung der sich bewegenden Geschichte oder Natur dienen. Eine Diskussion mit Anhängern totalitärer Bewegungen über Freiheit ist schon darum so außerordentlich unergiebig, weil sie an menschlicher Freiheit, das heißt an der Freiheit menschlichen Handelns, nicht nur nicht interessiert sind, sondern sie gefährlich für die Befreiung natürlicher oder historischer Prozesse halten. Die sogenannte Freiheit der Geschichte und der Natur, die sich ja nach beobachtbaren Regeln vollzieht, kann für den Menschen in der Tat nur im Gewand der Notwendigkeit auftreten« (Arendt, a.a.O., 706, 708 ff.). Es ist geradezu zum Lachen, wie hier aus dem Munde einer ehrenwerten liberalen Philosophin in ihrem gerechten Zorn über den politischen Totalitarismus eine gnadenlose Selbstverurteilung kommt, ohne daß ihr das im geringsten bewußt wird. Denn was sie vehement als Kern der totalitären Ideologie und »Bewegungsgesetzlichkeit« anprangert, ist ja nichts anderes als die Essenz der liberal-aufklärerischen Theorie seit mehreren hundert Jahren und gleichzeitig die tatsächliche Objektivierung der kapitalistischen Pseudo-Naturgesetzlichkeit. Es waren eben gerade die Theoretiker des Liberalismus, die das kapitalistische System der Zumutungen von Anfang an zum »Naturgesetz erklärten.
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