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Dekadenz schreitet voran

Feuilleton

Helmut Höge

Der postagrarische Kinderwahn

Wirtschaft als das Leben selbst

Früher, so drückte es gerade eine tschechische Altfeministin aus, da liefen die Hennen alle sicherheitshalber erst mal um das Haus, damit der Hahn nicht etwa dachte, sie seien Prostituierte. Heute dagegen, so erzählte mir neulich ein Würzburger Sexualberater, kämen immer mehr Jungs zu ihm – mit der Frage: »Unsere Mädchen wollen mit uns schlafen; was sollen wir machen?« Im übrigen sei in den Familien der sexuelle Mißbrauch bereits epidemisch geworden, was kein Wunder wäre, weil man sich dort bereits tagsüber und fast auschließlich Pornovideos ankucken würde – schon Achtjährige fragen: »Wer ist Gina Wild?« Wenn die Eltern ständig »Gang-Bangs« vor Augen hätten, sei es kein Wunder, daß sie nichts mehr dabei fänden, sich an ihren eigenen Kindern zu vergreifen. Neuerdings würden auch immer mehr ältere Kinder über ihre jüngeren Geschwister herfallen. Diese kurze Schilderung der Provinz-Atmosphäre vermischt zwei Entwicklungen: Einmal das gewachsene Selbstbewußtsein der Mittelschichtsmädchen und zum anderen das hoffnungslos übersexte Leben der großenteils arbeitslosen Unterschichtsfamilien, wo man schon morgens Sat1 kuckt und ansonsten nur idiotische Action- oder Pornofilme »versteht«.

Ersteres führte dazu, daß den Jungs, die früher immer die drängenden waren, nun erst mal mit Schlappschwänzigkeit auf diese Umkehrung reagieren. Eine Bekannte von mir ist mit einem türkischen Rapper befreundet, der in Interviews immer damit angibt, wie viele Groupies er »vernascht«, aber wenn sie bei ihm übernachtet, dann traut er sich nicht, sie auch nur anzurühren: Traurig gibt sie ihrer Mutter danach jedesmal die Präservative wieder zurück, die sie vorher extra »für ihn« eingesteckt hatte.

Letzteres hat damit zu tun, daß Kinder so überflüssig wie ein BMW-Cabrio geworden sind – ein Luxusgegenstand, der viel kostet und bestenfalls dem eigenen Vergnügen dient, denn seit Auflösung der agrarischen Verhältnisse und der Einführung der Sozialversicherungssysteme sind die Kinder nicht mehr für die Altersversorgung der Eltern zuständig. Auch nicht als sogenannte Arbeitnehmer in einem »Generationenvertrag«, wie die Bundesregierung seit nunmehr 30 Jahren lügt, weil es egal ist, ob deutsche oder ausländische Malocher dafür schuften. Hauptsache, irgend jemand zahlt in die Rentenkasse ein. Es ist sogar besser, wenn Ausländer das tun: Mit Glück verschwinden sie bei Krankheit oder im Alter wieder in ihre Heimat und vergessen ihre Ansprüche hier. Das passiert bei Türken zuhauf. Auf diese Weise verdienen »wir« doppelt an ihnen. Und die deutschen Eltern können sich auf ganz andere Weise von ihren Kindern versorgen lassen – dabei setzt sich ein ausgeklügeltes Geben-und-Nehmen durch: »Eine teure Markenjeans, gut, aber dann mußt du in Vorleistung gehen und Papa erst mal einen blasen!«

Natürlich gibt es immer noch einige Eltern, die scheinbar selbstlos ihre Kinder ausstatten: mit Klavier- und Sprachunterricht, Theaterkurse, Studienreisen, Reitstunden, Designerklamotten. Sie wollen damit ihre Brut für das zukünftige Erwerbsleben körperlich und geistig fit machen – nur leider kommen dabei meist verwöhnte und egoistische kleine Arschlöcher raus, die meinen, all das und noch viel mehr stünde ihnen von Rechts wegen zu: Die Welt wäre ihnen das sozusagen schuldig. Also so oder so ist die ganze Kinderkriegerei und -aufzucht, zu der jetzt die Regierung auch noch speziell Akademikerinnen ermuntern will, ein nutzloses Geschäft – ähnlich der Waffenproduktion. »Werdet selten!« möchte man wenigstens den Deutschen zurufen – und wenn ihr allzu sehr unter Erziehungszwang leidet, dann kümmert euch gefälligst um irgendwelche Heimkinder: Man muß nicht immer alles gleich haben, besitzen, wollen, schon gar nicht Kinder.
[Quelle: www.jungewelt.de - 31.05.05]


Unterschichtfernsehen = auch geistige Armut

Arbeitslose sehen im Schnitt täglich 5 Stunden und 17 Minuten fern.

Arbeitslose ziehen RTL aktuell der Tagesschau vor.

Seine eigene Welt finde der Zuschauer aus der Unterschicht in Big Brother oder Explosiv eins zu eins dargestellt, es gebe aus ihr kein Entrinnen.



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