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Massenhypnotikum | zu dumm für die Lehre...
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Ein neuer Persönlichkeitsstyp macht sich breit:
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der Histrio, ein gefühlsstrotzender, aufdringlicher Charakter – und ein Produkt des Fernsehens. Sie rühren zu Tränen, machen uns glücklich, und in einigen Fällen entpuppen sie sich gar als Meilensteine entlang dem Lebensweg: Hollywoodstreifen, Fernsehspektakel, Melodien aus dem Radio. Kein Wunder, dass ein alter Radiohit Gedanken an Abiturzeiten wachruft und sich eine Serie à la »Schwarzwaldklinik« mit Erinnerungen an die Besuche bei der Großmutter verknüpft. Doch moderne Massenmedien begleiten nicht nur unseren Alltag. Sie beeinfl ussen auch unsere Stimmungen und Emotionen, ja sogar unser Verhalten. Dem Fernsehen fällt hier eine Vorreiterrolle zu, denn es ist der wohl mächtigste Lieferant emotionaler und sozialer Botschaften. Und das nicht ohne Folgen: Wissenschaftler glauben, dass sich gewisse Entwicklungen im TV und in der Gesellschaft einander angleichen. Eine besonders einfl ussreiche Macht sehen sie in der zunehmenden Personalisierung und Emotionalisierung: Zuschauer treff en tagtäglich auf ihre lieb gewonnenen Serienhelden, und in speziell konzipierten »Personality-Shows« gewähren Stars und solche, die es werden wollen, Einblicke in ihr ganz privates Leben. Kurzum: Menschen und ihre Geschichten stehen immer mehr im Rampenlicht. Dieser Trend zu »großen Gefühlen« lässt sich nicht nur auf den Bildschirmen beobachten. 2002 konstatierte die Emotionssoziologin Helena Flam von der Universität Leipzig dieselbe Entwicklung innerhalb der Gesellschaft: Die Menschen akzeptierten zunehmend das Zurschaustellen emotionaler Befi ndlichkeiten. Außerdem würden die Schamgrenzen immer weiter sinken, und auch die individuelle Aff ektkontrolle verliere für viele an Bedeutung, so Flam. Öff entlich zeigen, wie es einem geht – ein Lebensgefühl, das wiederum TVMacher dankbar aufnehmen und verstärken. In speziell ausgerichteten Formaten wie »Big Brother« (RTL) oder »Nur die Liebe zählt« (SAT.1) konzentriert man sich bewusst auf das Schicksal einzelner Menschen und präsentiert es mit möglichst ungeschminktem Livecharakter. Intime, zwischenmenschliche Angelegenheiten werden von der Kamera eingefangen und anschließend vor den Augen der Nation seziert: Gefühle müssen übersprudeln, Tränen fl ießen. Mittlerweile lassen sich Wahrnehmungs- und Realitätsverzerrungen zumindest bei bestimmten Gruppen von Fernsehkonsumenten empirisch belegen. Wie die Psychologen Marie-Louise Mares und Stacy Davis vom Center for Communication Research in Madison/ Wisconsin 1998 in Befragungen herausfanden, zeigen sich die Auswirkungen gefühlsschwangerer Bilderfl uten besonders bei den Vielsehern – Menschen also, die mehr Freizeit als andere vor dem Fernseher verbringen. Sie sind verführt, Wissen aus der Welt ihrer Lieblingssendungen bei Bedarf zur Einschätzung von realen Situationen heranzuziehen. Hier zu Lande dürfte die Situation ähnlich sein: Dreieinhalb Stunden täglich schauen die Deutschen durchschnittlich fern, und ein Großteil der konsumierten Sendungen besteht aus Fiktion – aus Seifenopern, Hollywoodfi lmen und anderen modernen Märchen. Selbst politische Informationssendungen prägt heute ein unterhaltender Stil.
Zwischen 1996 und 2002 untersuchte dazu eine Arbeitsgruppe um Peter Winterhoff -Spurk von der Universität des Saarlandes die Nachrichtensendungen von ARD, ZDF, RTL, SAT.1 und ProSieben. Die Inhaltsanalysen ergaben etwa, dass immer mehr Beiträge Gewalt in Szene setzten und zudem verstärkt mit schnellen Schnittfolgen gearbeitet wurde. Die privaten Sender stießen diese Trends an, so die Wissenschaftler, und die öff entlich-rechtlichen Fernsehanstalten zögen im Abstand von rund vier Jahren nach.
Spezialisten auf diesem Gebiet sind Menschen mit histrionischen Persönlichkeitsmerkmalen Sie streben in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und sehnen sich nach ständiger Bewunderung. Der Begriff stammt aus der römischen Antike, wo der Histrione den Schauspieler, Tänzer und Musiker gab. Geradezu ein Musterbeispiel für einen Menschen mit solchen Talenten ist etwa Daniel Küblböck, der 2003 durch seine schrillen Auftritte in der Casting- Show »Deutschland sucht den Superstar « (RTL) unter den jüngeren Zuschauern einen Bekanntheitsgrad erreichte, der Spitzenpolitiker und andere Persönlichkeiten alt aussehen ließ. Der Histrio löst nun den Narzissten ab. Der galt lange als dominierender Persönlichkeitstyp unserer Zeit – ein selbstbezogener Charakter, ohne tiefe emotionale, moralische oder soziale Bindungen, der übermäßig angewiesen ist auf Bewunderung und Bestätigung. Letzteres hat der Narzisst mit dem Histrio gemein, doch verkauft der neue Sozialcharakter seine Gefühle noch effi zienter: Er ist Schauspieler durch und durch. »Ob es sich um die Gefühle, das Denken oder um das Verhalten der Menschen handelt – für alles liefert das Fernsehen die Maßstäbe«, erklärt der Medienpsychologe Winterhoff -Spurk. »Die Gesamtheit dieser Charakterzüge lässt sich als Normalmodell bezeichnen, das die Zuschauer teilweise oder ganz übernehmen. Der Histrio wird so zum dominierenden Typus unserer Zeit.«
Merkmale Histrionische Persönlichkeiten: 1. Dramatisierung der eigenen Person, theatralisches Verhalten, übertriebener Ausdruck von Gefühlen 2. Andauerndes Verlangen nach Aufregung und Anerkennung, Egozentrismus 3. Leichte Beeinfl ussbarkeit 4. Oberfl ächliche und labile Affektivität 5. Unangemessen verführerische Erscheinung und entsprechendes Verhalten, oft verbunden mit sexuellen Problemen 6. Übermäßiges Interesse an körperlicher Attraktivität
[Sabine Kersebaum ist Redakteurin bei Gehirn&Geist.] : www.gehirn-und-geist.de
Literaturtipp Winterhoff-Spurk, P.: Kalte Herzen – Wie das Fernsehen unseren Charakter formt. Stuttgart: Klett-Cotta 2005.
[Hinweis: Dies ist ein von mir eingekürzter Bericht aus: Gehirn& Geist Nr. 10/2005 - Der mediale Mensch - Wie das Fernsehen die Persönlichkeit formt] Bin Bezieher dieser Fachzeitschrift für Psychologie und Hirnforschung.
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