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Immer mehr Schuldner

Kommentar Dieter Schubert

Immer mehr Schuldner   Armutszeugnis   Gläubiger kommen in Deutschland immer schwieriger an ihr Geld. Das beklagte am Donnerstag ein bundesweit tätiges Inkassounternehmen. Im vergangenen Jahr sei alle 20 Sekunden ein Pfändungsbeschluß ergangen. Alle 30 Sekunden mußten Schuldner eine Eidesstattliche Erklärung abgeben. Insgesamt habe es in der BRD 3,6 Millionen Vollstreckungssachen, Zwangsversteigerungen und Zwangsverwaltungen gegeben.

Woran mag das wohl liegen? Sicher nicht daran, daß Geiz geil ist und die Leute nicht zahlen wollen. Die meisten können es nicht. Das mag für Politiker, Medienleute oder viele Angehörige der Mittelschicht nicht nachvollziehbar sein. Wozu hat man schließlich eine Kreditkarte, und Strom kommt aus der Steckdose. Doch es gibt sie, die Armut in Deutschland. Nicht in der Form, wie in Indien oder Rumänien. Verhungern muß hier immer noch keiner. Wenn das jedoch allein ausreichende Begründung dafür sein soll, daß letztendlich alles in Ordnung ist mit der bundesrepublikanischen Gesellschaft, kann die herrschende Klasse auch gleich wieder den Obrigkeitsstaat des 19. Jahrhunderts mit seinen extremen Klassengegensätzen etablieren.

Auf dem besten Wege scheint man zu sein. 16 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der offiziellen Armutsschwelle. Tendenz steigend. Erwerbslosigkeit, ein wachsender Billiglohnsektor und eine steigende Anzahl von Rentnern, die auf zusätzliche Leistungen aus dem Sozialamt angewiesen sind, führen über die Jahre auch zum Absturz bürgerlicher Existenzen in die Armut. Es gibt weder ein tragfähiges politisches Programm noch eine besondere gesellschaftliche Sensibilität gegenüber der Verarmung breiter Bevölkerungskreise. Wie auch? Denn dazu müßten Millionen von Arbeitsplätze entstehen und die dann dort Beschäftigten Löhne erhalten, die eine Existenz jenseits von Essen und Trinken ermöglicht. Damit ist die BRD, die sich in den 80er Jahren noch großmäulig zum Schaufenster gegenüber dem Osten aufgeschwungen hatte, völlig überfordert.

Ja, der Osten. Viele der früheren Schaufenstergucker wundern sich inzwischen ein bißchen über ihre damalige Blödheit. Selber schuld, möchte man sagen. Erst bekamen sie die Freiheit im Allgemeinen. Dann Videorekorder, Auto und Billigurlaub in Spanien. Und als sie dachten, alles wird gut, wurden sie von ihren Arbeitsplätzen befreit.

Im Osten ist alles noch ein bißchen schlimmer als in den westdeutschen Problemregionen. Jeder Fünfte lebt hier inzwischen unterhalb der Armutsgrenze, fast jeder zweite Haushalt ist von Arbeitslosigkeit betroffen. Die Zuwachsraten bei Insolvenzen und Vollstreckungen sind hier besonders hoch. Und das trotz der vielbeschworenen Transfermilliarden. Ein Armutszeugnis.


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