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Arbeitsmoral auf dem Tiefpunkt | Arbeitslosigkeit und die Plutokraten
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Unerbittlicher Lebenskampf
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Der Prozeß der Entzivilisierung
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schreitet mit wachsendem Tempo voran. Mit einer halbherzigen Kapitalismuskritik wird er nicht zu stoppen sein.
von Werner Seppmann
Kapitalismuskritik, die lange tabuisiert war, ist wieder im Gespräch. Aber die »starken« Worte, die in großen Teilen der Öffentlichkeit bereitwillig aufgenommen wurden, erreichen nirgends den Kern des Problems – und lassen es noch nicht einmal erahnen. Selbst die ökonomischen Fehlentwicklungen, die Münteferings unmittelbares Thema waren, wurden nicht zum sozialdestruktiven Charakter der kapitalistischen Reproduktionsdynamik und ihrem immanenten Zwang zur unablässigen Kapitalanhäufung in Beziehung gesetzt. Ebenso wurde sorgfältig vermieden, die sozialen Polarisierungen, die Ausgrenzungs- und Verarmungsprozesse gedanklich zu den elementaren Gesetzen der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise zu vermitteln.
Diese »Kapitalismuskritik« gibt sich noch nicht einmal die Mühe zu verbergen, daß sie als »Ouvertüre« zu einem »neuen« Reformismus gedacht ist. Alles Kritikwürdige der aktuellen Krisenentwicklung, einschließlich der Unterwerfung menschlicher Lebensinteressen unter das Kalkül kurzfristiger Profitmaximierung, wird als »Abweichung« von einem im Prinzip akzeptablen und verteidigungswerten Organisationssystem des menschlichen Stoffwechsels mit der Natur betrachtet. In gewisser Weise korrespondiert Münteferings Intervention mit einem Auffassungsstrang innerhalb der Bewegung der Globalisierungskritiker, der – wesentliche Punkte der eigenen Erkenntnisbasis dabei ignorierend – eine sozial verträgliche und ökologisch »nachhaltige« Gestaltung der kapitalistischen »Moderne« grundsätzlich für möglich hält.
Solche Einschätzungen erweisen sich aber den zugespitzten Problemlagen als immer weniger angemessen. Denn die gegenwärtige Krise hat eine Dynamik soziokultureller Selbstzerstörung in Gang gesetzt, die durch partielle Maßnahmen kaum noch gestoppt werden kann: Durch die kapitalistische Organisationsform der Gesellschaft wird schleichend das zivilisatorische Fundament menschlichen Zusammenlebens ausgehöhlt.
Einige Aspekte dieser Tendenz soziokultureller Selbstzerstörung sind besonders auffällig:
Durch die strukturellen Bedingungen in Ökonomie und Gesellschaft kann individueller Nutzen immer öfter nur noch auf Kosten der anderen erreicht werden: Die Konzentration auf unmittelbare Profitgesichtspunkte führt zur Vernachlässigung vieler langfristiger Aspekte.
Rationale Absichten schlagen aufgrund der herrschenden Strukturen des Wirtschaftslebens regelmäßig in soziale Irrationalität um: Nach kapitalistischen »Effizienzkriterien« ist es »sinnvoll«, überschüssige Arbeitskraftverkäufer und -verkäuferinnen auszugrenzen, ohne sich Gedanken über die daraus resultierenden sozialen Desorganisationserscheinungen zu machen.
Die Universalisierung der Gewalt und der Zerfall schon erreichter kultureller Standards prägen das kapitalistisch dominierte Weltsystem: Militärisch flankierte Hegemonialstrategien finden ihre Entsprechung auch in der Aggressionseskalation im Inneren der »entwickelten« Gesellschaften.
Die kapitalistische Form der Produktivkraftentwicklung ist mit einer Wohlstandsreduktion für breite Bevölkerungsschichten verbunden: Trotz gesellschaftlicher Reichtumsmehrung breiten sich Armut und Bedürftigkeit sowohl global als auch innerhalb der Metropolengesellschaften aus.
Sinnvolle Arbeit, auf der die soziale Reproduktion und die individuelle Identitätsbildung gleichermaßen beruhen, wird einem immer größeren Teil der Bevölkerung verweigert: Sie werden dadurch aus elementaren gesellschaftlichen Zusammenhängen ausgegrenzt.
Den Menschen wird offen ins Gesicht gesagt, daß sie nicht nur ökonomisch nicht mehr gebraucht werden, sondern nach den geltenden Spielregeln auch sozial unnütz geworden sind. Die »Überflüssigen« werden zunehmend ins soziale Abseits und die Zonen der Bedürftigkeit abgedrängt. Die Bereitschaft des herrschenden Blocks, aktiv die soziale Spaltung zu betreiben, hat einen handfesten Hintergrund: Die Zahl der für die Mehrwerterzeugung noch benötigten Menschen hat rapide abgenommen und wird weiter abnehmen. Es gibt plausible Schätzungen, daß in einem überschaubaren Zeitraum nur noch für 20 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung genügend Arbeitsplätze vorhanden sein werden.
Instrumentalisierung der Menschen
In ihren Konsequenzen ist die Arbeitslosigkeit ein Gewaltakt, ein Angriff auf die Integrität der arbeitenden Menschen. Sie werden nicht nur gedemütigt, sondern durch die Entwertung wesentlicher Orientierungsmuster auch einer innerpsychischen Konfliktsituation ausgesetzt, der sie in einem Klima zugespitzter Konkurrenz und sozialer Widersprüche kaum mehr gewachsen sind. Denn in seinem Drang zur Optimierung der Verwertungsbedingungen hat das Kapital Sozialzusammenhänge zerrissen und die Menschen ausbeutungskonform instrumentalisiert: Gefühle der Verläßlichkeit vermittelnde und die Menschen psychisch stabilisierende Lebenskontexte sind im Fegefeuer der »Deregulierung« und »Flexibilisierung« verschlissen, traditionelle Solidaritätsformen durch den Druck der Arbeits- und Lebensverhältnisse im Risikokapitalismus zerstört worden. »Der kapitalistische Modernisierungsprozeß«, schreibt der Sozialpsychologe Götz Eisenberg, »zehrt neben den natürlichen Ressourcen auch jene Traditionsbestände auf, auf deren wie immer gebrochene und überformte Fortexistenz er angewiesen ist: identitätsstiftende Zusammenhänge, Familie, Moral und all die Tugenden der ›kleinen Leute‹, die den sozialen Kitt der Gesellschaft bilden.«
Ein angsteinflößender Krisen- und Veränderungsdruck ist der Hebel, um die Lebensverhältnisse und mit ihnen auch das Fühlen und Denken der Menschen den Erfordernissen einer radikalisierten Verwertungsökonomie anzugleichen. Die Institutionalisierung der Unsicherheit garantiert die universelle Verfügbarkeit über den »ganzen Menschen«, ermöglicht es, ihn vollständig in den Selbstverwertungskreislauf des Kapitals zu integrieren.
Ihre widersprüchliche Lebenssituation intellektuell zu verarbeiten, ist den Menschen im Risikokapitalismus durch die strukturelle »Unübersichtlichkeit« der Sozialverhältnisse kaum noch möglich, zumal ihnen durch den Zerfall der Klassenmilieus realitätsadäquate Orientierungsmuster abhanden gekommen sind. Soziale Bedrohungserlebnisse und Ausgrenzungserfahrungen finden deshalb innerhalb zersplitterter Sozialverhältnisse ihre Entsprechung in Ohnmachtsgefühlen und Angstsyndromen, die zur weiteren Beschädigung psychischer Widerstands- und Stabilitätspotentiale führen.
Flexibilität und Bedenkenlosigkeit
Wer nicht ins soziale Abseits gedrängt ist, wird durch die Funktionsprinzipien eines »flexibilisierten« Kapitalismus zur Ausbildung fragmentarischer »Identitäten« gezwungen. Die Menschen müssen wendig und bedenkenlos sein, wenn sie an den sich oft widersprechenden Ansprüchen nicht scheitern wollen; sie müssen moralisch »disponibel« und »belastbar« sein, wenn sie ihr Leben innerhalb »deregulierter« Sozialverhältnisse meistern wollen. Als positiv verstandene Eigenschaften hat der französiche Philosoph Jean-François Lyotard, Galionsfigur eines »postmodernen Denkens«, die subjektiven Anforderungen für eine »zeitgemäße« Existenz spezifiziert: »Geschmeidigkeit, Toleranz und ›Wendigkeit‹«. Daß solche Eigenschaften des »postmodernen Menschen«, seine »fließenden Identitäten« und seine »biegsame Psyche« (von denen auch gesprochen wird) exakt dem Anforderungsprofil einer neoliberalen Ökonomie entsprechen, kommt dieser pseudokritischen Modephilosophie nicht in den Sinn.
Gefordert sind jedoch nicht nur Flexibilität und Beweglichkeit als Subjekteigenschaft, sondern auch die Rücksichtslosigkeit als soziale Handlungsmaxime. Lebenspraktische Überzeugungskraft besitzt ein neuer kategorischer Imperativ: »Handle so, daß deine Interessen ohne Rücksicht auf die Konsequenzen sich durchsetzen können!« Jedoch wird den Menschen nicht nur eine konfliktbereite Einstellung zu ihrem sozialen Umfeld abgefordert, sondern auch ein zwanghaftes Verhältnis zu sich selbst. Ein US-amerikanischer Bankmanager spricht in diesem Sinne von einem »fortgeschrittenen Kapitalismus, dessen rauhes und brutales Klima den Beteiligten eine strikte Disziplin« auferlegt. Gemeint ist ein Zwang zur Selbstverwertung, zur Ausprägung einer kapitalistisch instrumentalisierten Individualität und einer konkurrenzgesellschaftlich geformten Persönlichkeitsstruktur. Wer nicht unterliegen will, muß beständig sein Bestes zu geben versuchen; es darf keinen Stillstand geben, weil die soziale Existenz nur durch das Vorwärtsstreben gesichert werden kann.
Die Alltagssubjekte sind durch den herrschenden Anpassungsdruck und den sich oft widersprechenden Anforderungsprofilen in ihrer Identitätsstruktur ebenso gespalten und fragmentarisiert wie die Sozialverhältnisse, die sie umgeben. Verläßliche Orientierungspunkte als Voraussetzung selbstbestimmter Lebensgestaltung stehen ihnen kaum mehr zur Verfügung. Deshalb wirken sie als getriebene und von den objektiven Zwängen beherrschte; sie sehen sich immer öfter mit sozialen Bedrohungssituationen (Arbeitsplatz- und Existenzunsicherheit) konfrontiert, auf die sie nur mit Resignation und verzweifelter Wut zu reagieren vermögen: In ihrer Hilflosigkeit sind große Bevölkerungsteile auch für irrationalistische Weltbildfragmente, autoritäre Interpretationsmuster und rassistische Wahnvorstellungen anfällig, weil sie eine trügerische Orientierungssicherheit und psychische Entlastung in einer als undurchsichtig und bedrohlich erlebten Welt versprechen.
Die kapitalistisch dominierte Lebenspraxis befindet sich mit ihren Demütigungen und Bedrohungen im Widerspruch zu den Selbstverpflichtungen einer bürgerlichen Gesellschaft, die einmal das allgemeine Wohlergehen und die Vernünftigkeit der sozialen Verhältnisse auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Sie produziert statt dessen soziale Widersprüche und eine technokratische Rationalität mit einer kaum zu bändigen Destruktionstendenz.
Durch die Radikalisierung der Profitstrategien hat sich ein Konfrontationsklima verallgemeinert, herrscht ein so hoher Handlungsdruck, daß weder auf die individuelle Leistungsfähigkeit noch auf soziale Gesichtspunkte Rücksicht genommen wird. Egoistischer Durchsetzungselan ist zur Normalität geworden. Mit sichtbarem Stolz berichtet ein Manager des Medienkonzerns Bertelsmann der Presse über sein Verhalten bei der Sanierung eines übernommenen Konkurrenten durch Arbeitsplatzabbau: Ich »habe nach dem Motto geschossen: Selbst wenn es einen Unschuldigen trifft, ist es auch nicht schade. Denn es mußte sich was bewegen.« Individuelle und soziale Rücksichtnahmen gelten als nicht mehr zeitgemäß. Die Unternehmen steigern beständig ihre Rentabilität, wer aber über 50 ist, wird aus dem Berufsleben entfernt. Das Merkmal der Lebensverhältnisse im globalisierten Kapitalismus ist die Unerbittlichkeit des Lebenskampfes, der unbedingte Leistungswille und das rücksichtslose Vorwärtsstreben, die Konsequenz die Verdrängung und Ausschließung der Schwachen und Überzähligen.
Zwischen Konkurrenz und Gewalt
Die das Wirtschaftsleben prägenden Verdrängungs- und Ausgrenzungsstrategien dominieren das soziale Klima auch in den privaten Lebensbereichen. Sie bilden den Nährboden für kollektive und individuelle Gewaltformen, für eine kaum noch einzudämmende »Kultur des Hasses« (Hobsbawm), die nicht nur an Umfang und Intensität zugenommen haben, sondern in nicht wenigen gesellschaftlichen Segmenten zur »Selbstverständlichkeit« geworden ist.
Durch einen universalisierten Existenz- und Bewährungsdruck entwickelt sich eine feindliche Haltung gegenüber den Mitmenschen, weil sie als »Gegensatz« zu den eigenen Lebensinteressen erlebt werden. In einer Situation hoher Beschäftigungslosigkeit wird jeder als Konkurrent um die knappen Arbeitsplätze empfunden und durch die entgrenzten Leistungserwartungen jede Rücksichtnahme als Erfolgshindernis wahrgenommen. Das Ergebnis ist eine Verrohung der Verhaltensweisen und ein Zerfall sozio-kultureller Standards. Kapitalistische Konkurrenz und Krisendruck, verinnerlichtes Erfolgsstreben und Selbstunterdrückung, institutionalisierte Ausgrenzung und sozio-kulturelle »Pathologien« bilden ein dichtes Geflecht von Ursachen und Wirkungen. Deshalb ist der aggressive Jugendliche, der auf seinen Mitschüler einschlägt, obwohl dieser längst am Boden liegt, nur das Spiegelbild jener »erfolgreichen« Manager, die Extraprämien kassieren, weil sie besonders viele Arbeitsplätze vernichtet haben. »Wie saurer Regen sickern der Zynismus und die Amoral der großen Beutejäger von der Spitze der (gesellschaftlichen) Pyramide zur mittleren Ebene durch.« (J. Ziegler)
Die zunehmende Verrohung der sozialen Verkehrsformen beschreibt das Alltagsbewußtsein mit den Begriffen »soziale Kälte« und »Ellenbogengesellschaft«. Selbst in den Kindergärten und den Grundschulen ist ein ungehemmtes Konkurrenzverhalten an der Tagesordnung, demonstrieren die Kinder, wie gut sie es schon gelernt haben, ihre »Ellbogen zu gebrauchen«. Schon ab der zweiten Klasse wird für die weiterführenden Schulen sortiert, wird durch die Anforderungen der Schule und den Druck der Eltern der Zusammenhang von konkurrenzmotivierter Lernbereitschaft und persönlichen Fortkommen wahrgenommen.
Permanenter Bewährungsdruck
Die gravierenden ökonomischen Widerspruchsformen stellen jedenfalls nur eine Seite der kapitalistischen Wirklichkeit dar. Eng mit der gesellschaftlichen Krisenentwicklung verbunden sind Formen individueller Bedrängnis, geistiger Gleichschaltung und sozialer Entfremdung. Die Konsequenzen einer solchen emotionalen Instrumentalisierung und Zurichtung der menschlichen Subjektivität haben bisher auch in den linken Diskussionen noch nicht die nötige Beachtung gefunden haben: Weil der leistungsgesellschaftliche Konkurrenz- und Anpassungsdruck ein permanentes Widerspruchsprinzip zu den menschlichen Selbstentfaltungsbedürfnissen darstellt, werden massenhaft psychische Defekte produziert und durch zwanghafte Formen der Selbstdisziplin emotionale Verwüstungen hervorgerufen.
Wer das Tempo der »Leistungsgesellschaft« nicht mehr mithalten und dem psychischen Leidensdruck, der vor allem aus der Kombination von gesteigerten Anforderungen und dem Gefühl latenter Unsicherheit resultiert, nicht mehr standhalten kann, flüchtet – immer öfter auch um den Preis der Selbstzerstörung – in legale und illegale Rauschmittel. Die Drogensüchtigen (deren Zahl in der Bundesrepublik bei geschätzten 150 000 liegt) sind nur der sichtbarste Ausdruck dieses Problemkomplexes. Viel deutlicher noch sind die Millionen Alkohol- und Tablettenabhängigen Spiegelbild des pathologischen Zustands einer Gesellschaft, in der trotz hochentwickelter Kommunikationsmöglichkeiten die Menschen vereinsamen und sich verloren fühlen.
Viele Menschen leiden unter der sozialen Beziehungs- und Rücksichtslosigkeit, den unsicheren Zukunftsperspektiven und dem gravierenden Leistungsdruck: Sie sind ausgebrannt und empfinden trotz einer permanenten Anspannung ihr Leben als sinnlos; sie haben den Eindruck, Wesentliches in ihrem Leben zu verpassen, nicht selbst zu leben, sondern getrieben zu werden. Die Verhältnisse verändern sich mit einer Geschwindigkeit der nur noch wenige folgen können. Der »flexible Mensch« ist entwurzelt (R. Sennet), denn soziale Bindungen stehen einer ökonomischen Selbstverwertung und der geforderten allseitigen Verfügung im Wege, die immer öfter grenzenlosen Zeiteinsatz und geographische Mobilität verlangt.
Die Angst vor Veränderungen
Die herrschenden Vergesellschaftungsprinzipien erweisen sich den aktuellen Problemen als immer weniger angemessen und werden dennoch um den Preis einer zunehmenden Widerspruchsentwicklung künstlich am Leben gehalten. Die Unfähigkeit, angemessen auf die existentiellen Probleme zu reagieren, ist Ausdruck eines fatalen Zirkels von Entfremdung und Selbstentfremdung, der in den entwickelten Kapitalgesellschaften Herrscher und Beherrschte vereint: Weil der Existenzkampf alle intellektuelle und psychische Kraft absorbiert, kann sozio-kulturelle Gestaltungskompetenz sich nicht mehr im benötigten Umfang entwickeln. Es entsteht ein normatives und emotionales Vakuum, weil immer mehr intellektuelle und psychische Energie aktiviert werden muß, um die elementaren Widersprüche nicht wahrnehmen zu müssen oder sie zu verharmlosen. Innere und äußere Bedrohungsszenarien werden »kultiviert«, um von der gesellschaftlichen Widerspruchsentwicklung ablenken zu können. Was früher die »Bedrohung aus dem Osten war«, ist heute der »islamische Terrorismus«, den die imperialistische Politik selbst genährt hat und zu dessen »Bekämpfung« der Weg einer autoritären Formierung vieler gesellschaftlichen Bereiche beschritten wird: Der »Ausnahmezustand« wird schleichend zur Normalität.
Eine Ahnung davon, daß jede substantielle Problemlösungsstrategie in der Systemfrage mündet, festigt nicht nur innerhalb des herrschenden Blocks die Unfähigkeit, über das Tagesgeschäft hinaus zu denken und perspektivische Orientierungen zu entwickeln. Fehlende Zukunftsorientierung und die Unfähigkeit zu allgemeinverträglicher politischer Gestaltung ergänzen sich. Weil Veränderungsperspektiven tabuisiert sind, können gesellschaftliche Auflösungstendenzen ihre eigene Dynamik entfalten und sich zu einer zivilisatorischen Fundamentalkrise verdichten. Denn wird der mögliche und notwendige Wandel verschleppt, potenzieren sich die Probleme und wird die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit destabilisiert: Probleme des zivilisatorischen Zerfalls rücken dann in das Zentrum des gesellschaftlichen Geschehens.
* Vom Autor erschienen unter anderem zum Thema: »Dialektik der Entzivilisierung. Krise, Irrationalismus und Gewalt« (Papyrossa, Köln 1995) und »Aktualität der Kapitalismuskritik« (Neue Impulse Verlag, Essen 2003) [Quelle: www.jungewelt.de v. 25.06.05]
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