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Globalisierung - Neoliberalismus | Ausblick 2010/20  

Zinsproblem

Zinsen: Und die Umverteilung

Originaldokument

Geld, Wachstum und Umverteilung des Reichtums

Ein Beitrag zu schwerwiegender Fehlkonstruktion im Wirtschaftsbereich
von Jens Böhling

Jahrzehntelang gab es Wirtschaftswachstum und steigendes Bruttosozialprodukt. Die pri-vaten Vermögen haben sich seit 1980 verdreifacht. Gleichzeitig grassiert eine neue Armut. Da muss doch gefragt werden, wie es zu dieser ungleichen Verteilung des erwirtschafte-ten Reichtums kommen kann.
Geld ist kein gerechtes Tauschmittel

In einer arbeitsteiligen Wirtschaft ist Geld als Vermittler beim Austausch von Gütern oder Arbeitskraft erforderlich. Soll es diese Aufgabe gerecht erfüllen, darf es dem, was ge-tauscht wird, insgesamt gesehen weder über-, noch unterlegen sein.

Wer über Ware oder Arbeitskraft verfügt und damit seinen Lebensunterhalt verdient, muss sie anbieten, wenn Verluste vermieden werden sollen, denn Ware verliert mit der Zeit an Wert oder verursacht Lager- und Pflegekosten. Lebensmittel verderben, Kleidung wird un-modern, Geräte veralten usw.. Und Arbeitskraft kann überhaupt nicht zurückgehalten wer-den, denn niemand kann morgen Leistungsfähigkeit anbieten, die gestern zur Verfügung stand. Ware und Arbeitskraft unterliegen somit einem ständigen Angebotsdruck.

Geld jedoch kann zurückgehalten werden. Der Geldbesitzer kann warten und hat von vornherein einen erheblichen Vorteil.
Geld muss zirkulieren

Als Tauschmittel muss Geld kontinuierlich umlaufen. Das kommt schon im Kinderlied zum Ausdruck: Taler, Taler du musst wandern.....

Idealerweise entspricht die umlaufende Geldmenge der Wirtschaftsleistung des Landes. Wird Geld zurückgehalten, werden damit Tauschvorgänge und Wirtschaftsaktivitäten blo-ckiert. Deshalb muss "geparktes" Geld zurück in den Kreislauf "gelockt" werden.
Zinsen

Weil Geld nicht dem Angebotsdruck von Ware oder Arbeitskraft unterliegt, kann es sich Regeln von Angebot und Nachfrage weitgehend entziehen. Für das "Zurücklocken" des Geldes in den Wirtschaftskreislauf muss dem Geldbesitzer deshalb eine Prämie, der Zins, geboten werden, die der Besitzer von Ware nie fordern kann. Stellen Sie sich vor, dass Sie z.B. jemandem 5 Mio. Hühnereier zur Vermarktung überlassen. Könnten Sie im Jahr darauf und unabhängig von den Bedingungen auf dem Eiermarkt die kostenlose zusätzliche Rückgabe von 250 000 Eiern, das sind 5 % von den 5 Mio. Stück, verlangen? Wohl kaum, aber derjenige, der den Gegenwert der Eier in Euro ausleiht, kann es.

Fair und gerechtfertigt wäre Zins nur, wenn Güter/Arbeitskraft einerseits und Geld andererseits den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen würden.
Zinseszins und exponentielles Wachstum

Zinsen werden zum überwiegenden Teil nicht verbraucht, sondern dem Kapital zugeschla-gen und mitverzinst. Auf diese Weise wächst ein Kapital z.B. bei 5 % Zins in nur 14,2 Jah-ren auf das Doppelte an, und in weiteren 14,2 Jahren auf das Doppelte des Doppelten, al-so das Vierfache der Ausgangsgröße, usw.... Die absoluten Zuwachsraten steigen mit atemberaubender Größe und Schnelligkeit.

Jedes ständige prozentuale Wachstum unterliegt dieser Gesetzmäßigkeit und wird expo-nentiell genannt. In einer endlichen Welt, auch wenn sie "groß" ist, stößt exponentielles Wachstum früher oder später an unüberwindbare Grenzen. (s.S. 4 Nr.129)
Gewinner und Verlierer

Im Jahr 2001 war die deutsche Wirtschaft mit 382 Mrd. Euro Zinsen belastet. Das sind pro Kopf 4.775 Euro , vom Säugling bis zum Greis. Ein Vier-Personen-Haushalt musste also durchschnittlich 19.100 Euro Zinsen zahlen, die zum großen Teil über die Endverbraucher-preise kassiert werden, denn die Unternehmen müssen Kapitalkosten (eigene und die der Vorlieferanten) in ihre Preise einrechnen. Im Durchschnitt zahlt jeder 40 Cent Zinsen von jedem ausgegebenen Euro.

Wer erhält die Zinsen? Jeder, der ein Sparbuch besitzt, ist zwar auch Gläubiger, aber Ge-winner im großen Zinsmonopoly gibt's nur wenige. Wenn Sie Ihr Geld zu 4 % Zinsen anle-gen, muss die Anlage immerhin 477.500 Euro betragen, damit Sie 19.100 Euro Zinsen kassieren und so weder zu den Gewinnern, noch zu den Verlierern gehören.

Gewinner sind ca. 10 % der Haushalte, und unter diesen ist es nur ein kleiner Bruchteil, der maßgeblich gewinnt. Ein Millionär hat bei 4 % Zinsen einen "Ertrag" von 40.000 Euro im Jahr, ein Milliardär 40 Millionen, das sind 109.590 Euro pro Tag, auch samstags und an Sonn- und Feiertagen. Leistungslos, und das in einer sogenannten Leistungsgesellschaft! Gegen Reichtum, auch ererbten Reichtum, ist nichts einzuwenden, wenn er durch echte Leistung erworben wurde. Die Tatsache aber, dass allein der bloße Besitz von Geld mit astronomischen Beträgen "vergütet" wird, ist ein Skandal! (s.S.4 Nr.059)

Wachstumszwang

Diese gigantischen Einkommen fallen nicht vom Himmel. Es schwitzt jemand dafür, und das heißt, dass diese Einkommen dem Lohnsektor (dazu gehört auch aus Arbeit entstan-dener Unternehmerlohn) im gesamten "Einkommenskuchen" des Volkes zwangsläufig ent-zogen werden. Wegen des exponentiellen Wachstums des Vermögenssektors muss sich der Lohnsektor, und auch der Staat, mit weniger und weniger zufrieden geben.

Jeder Kuchen kann nur einmal verzehrt werden. Das gilt auch für das Bruttoinlandspro-dukt. Und deshalb wird es zunehmend "enger" für 90 % der Bevölkerung. So etwas nennt man Armut-Reichtums-Schere oder Umverteilung von unten nach oben (pro Tag immerhin ca. 380 Mio. Euro).

Um diese fatalen Folgen zu mildern, muss die Wirtschaft wachsen. Ständiges Wachstum ist aber wegen der Endlichkeit von Raum und Ressourcen und der gravierenden Zerstö-rung der natürlichen Lebensgrundlagen ein Ding der Unmöglichkeit. Das fortwährende Ge-schrei von Politik, Wirtschaft und Medien nach mehr Wirtschaftswachstum ist deshalb an-gesichts vorgegebener Grenzen und mathematischer Gesetzmäßigkeiten schlicht und ein-fach töricht und unqualifiziert.

Arbeitslosigkeit

Wegen der ständig steigenden Zinsbelastung wird die Lage für die Mehrzahl der Unter-nehmen immer dramatischer. An der Bedienung des Kapitals können sie nicht sparen, al-so sparen sie bei Investitionen und im Lohnbereich. Beides, besonders letzteres, fördert Arbeitslosigkeit.

Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen Zinshöhe und Arbeitslosigkeit, desgleichen zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit.

Inflation

Inflation liegt vor, wenn die Geldmenge im Vergleich zur Wirtschaftsleistung zu sehr aus-geweitet wird. Es wäre Aufgabe der Notenbank, die Geldmenge zu steuern und Kaufkraft-stabilität zu sichern, denn Inflation ist Betrug an Sparern und allen, die Arbeit leisten.

Da Geld aber risikolos zurückgehalten (gehortet) werden kann, weiß die Notenbank zwar, wie viel Geld sie herausgegeben hat, nicht aber, ob es in Umlauf ist. Entsprechend kläg-lich sind ihre Steuerungsversuche.

Geld horten? Wer tut denn so etwas?

Nun, Geld wird in schwarzen Kassen, Transaktionskassen und Steuerhinterziehungsein-richtungen (Steueroasen) gehortet. Außerdem werden "harte" Währungen in "Weichwäh-rungsländern" gehortet. Und bei fallenden Zinssätzen wird nachweislich mehr Bargeld ge-halten, also gehortet, als bei hohen Zinsen.

Hohe Ansprüche

Die Misere besteht nicht so sehr darin, dass die Bürger zu hohe Ansprüche an den Sozial-staat stellen (worin bestehen diese eigentlich?), sondern dass die Besitzer großen Kapitals maßlose Ansprüche an das Sozialprodukt haben, die immer vorrangig und außerhalb je-der Lohnrunde bedient werden.

Ausweg

Geld ist einerseits Tauschmittel, andererseits Wertaufbewahrungsmittel (Schatzmittel). Als Tauschmittel muss es zirkulieren und dem Marktgeschehen zur Verfügung stehen (so wie eine Flotte von Nutzfahrzeugen eines Unternehmens für Transporte zur Verfügung stehen muss). Als Schatzmittel kann es dem Kreislauf nicht zur Verfügung stehen ( so wie die Fahrzeuge nicht gleichzeitig stationäre Lager sein können). Dieser Widerspruch ist mit der jetzigen Geldwirtschaft nicht zu lösen.

Deshalb muss Geld dem gleichen Angebotsdruck wie Ware und Arbeitskraft unterworfen werden, d.h. bei Zurückhaltung mit dem gleichen durchschnittlichen Wertverlust bedroht sein.

Die Umsetzung ist technisch möglich. Beim Giralgeld (Geld auf Girokonten) durch entspre-chende Gebühr. Beim Bargeld durch gelegentlichen gebührenpflichtigen Umtausch be-stimmter Banknoten. Dann würde sich Zins nicht nur teilweise nach Angebot und Nachfra-ge richten müssen, sondern könnte bei Kapitalüberangebot marktgerecht auf 0 %, plus Bankvermittlungsgebühr, sinken.

Die Folgen wären: Mehr erwirtschaftete Kaufkraft pro Arbeitsstunde für den Tätigen, mehr Arbeitsplätze und weniger Wachstumszwang. Die Notenbank könnte die Kaufkraft stabili-sieren. Damit würden Ersparnisse auf dem Sparbuch langfristig nicht entwertet werden und dem Markt als erschwinglicher Kredit zur Verfügung stehen.

Zur Durchführung gab es in der Vergangenheit Modelle in der Praxis, die sich bewährt ha-ben. Und auch heute gibt es Gruppen, die im Sinne dieser Überlegungen mit der Einfüh-rung eines sog. „Regionalgeldes“ befasst sind. (www.chiemgauer-regional.de)

Der Zweck dieser Kurzfassung soll es sein, aufgeschlossene Mitmenschen anzuregen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Möglichkeiten dazu gibt es viele.

U.a.: www.humanwirtschaft.org , www.geldreform.de, www.INWO.de, www.cgw.de

Der bekannte Schweizer Ökonom Professor Hans Christoph Binswanger aus St.Gallen sagte:
99% der Menschen sehen das Geldproblem nicht.. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar als „nicht existent“. Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirkliche ökologische Wende möglich.



Jens Böhling: Geld, Wachstum und Umverteilung des Reichtums Kontakt: info @ privatisierungswahn. de


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