Wird der Narzißmus zum "Wahnsinn unserer Zeit"?
Kein Zweifel: Wir leben in einer narzißtischen Kultur, die wir selbst nach unserem Bild formen. So bringt der Narzißmus immer mehr Menschen um ihr wahres Selbst und ein erfülltes Leben.
Der Narzißt ist ein Mensch, der ein Image pflegt auf Kosten seines Selbst. Gefühle, die diesem Image widersprechen, verleugnet er. Ohne Werte des Selbst und ohne ein im Körper verwurzeltes Selbstgefühl, erfährt er sein Leben als leer und sinnlos. Die Kultur, die ihn geprägt hat, ist gekennzeichnet durch fehlendes Interesse an der Umwelt und am Mitmenschen. Macht, Erfolg und materielle Werte achtet sie höher als menschliche Bedürfnisse.
Ein niedergehender Kultur- und Lebensstil. Die Kultur des vom Konkurrenzdenken geprägten Individualismus, die in ihrem Niedergang die Logik des Individualismus ins Extrem eines Krieges aller gegen alle getrieben und das Streben nach Glück in die Sackgasse einer narzißtischen Selbstbeschäftigung abgedrängt hat.
Das Endprodukt des neuen Individualismus: die neue narzißtische Persönlichkeit. Sie wird nicht von Schuldgefühlen geprägt, sondern von Ängsten, sie ist unfähig, politische und soziale Bindungen einzugehen oder Verantwortung zu übernehmen; sie verlangt nach unverzüglicher Befriedigung ihrer Wünsche und lebt in einem Zustand ewig unbefriedigten Begehrens; sie ersetzt religiöses durch therapeutisches Denken und trivialisiert persönliche Beziehungen.
Ungeachtet der gelegentlichen Illusionen über ihre Allmacht ist die narzißtische Persönlichkeit zur Bestätigung ihrer Selbstachtung auf andere angewiesen. Ohne bewunderndes Publikum kann sie nicht leben. Ihre scheinbare Freiheit von familären Bindungen und institutionellen Zwängen befähigt sie keineswegs, auf eigenen Füßen zu stehen oder sich ihrer Individualität zu freuen. Im Gegenteil: sie trägt zu ihrer Unsicherheit bei, die sie nur überwinden kann, wenn sie ihr "grandioses Ich" in der Aufmerksamkeit anderer reflektiert sieht. Für die narzißtische Persönlichkeit ist die Welt ein Spiegel. Narzißtische Menschen sind mehr daran interessiert, wie sie anderen erscheinen, als an dem, was sie fühlen. Deswegen fällt die manipulative Konsumwerbung, ja heutzutage auch auf solch fruchtbarem Boden. Die äußere Erscheinung (Make-up, modischer Fimmel an Kleider, sexy-wirken etc) wird überbewertet auf Kosten der Innerlichkeit. Dieser Trend setzt, insbesonders bei jungen Mädchen, immer früher ein. Noch nie konnte man so viele eitel-narzißtisch, aufgebläht, infantile junge Menschen beobachten, wie es heute möglich ist. Der narzißtische Mensch ist Egoist-pur, auf die eigenen Interessen ausgerichtet, aber ihm fehlen die wahren Werte des Selbst - nämlich Selbstausdruck, Gelassenheit, Würde und Integrität.
Eine Gesellschaft, die die natürliche Umwelt dem Profit und der Macht opfert, verrät, daß sie für menschliche Bedürfnisse unempfindlich ist.
Die Menschen klagen heutzutage über einen Mangel an Empfindungen. Sie jagen starken Erlebnissen hinterher, versuchen, das schlaffe Fleisch zu neuem Leben aufzupeitschen und mühen sich, abgestumpfte Sinnesreize wiederzubeleben. Sie verdammen das Über-Ich und verherrlichen das verlorene Sinnesleben.
Alexander Lowen schreibt: "Meine These besagt, daß Narzißmus im Einzelmenschen und in der Kultur einen gewissen Grad von Unwirklichkeit anzeigt. Unwirklichkeit ist nicht einfach nur neurotisch, sie grenzt ans Psychotische. An einem Verhaltensmuster, das das Erringen von Erfolgen über das Bedürfnis stellt, zu lieben und geliebt zu werden, ist etwas verrückt. Ein Mensch, der keinen Kontakt zur Realität seines Wesens - zum Körper und seinen Gefühlen - hat, ist etwas verrückt. Und eine Kultur, die Luft, Wasser und Erde im Namen eines "höheren" Lebensstandards verschmutzt und verseucht, hat etwas Verrücktes an sich. Aber kann eine Kultur geisteskrank sein? Diese Vorstellung ist in der Psychiatrie keineswegs selbstverständlich. Im allgemeinen sieht man Geisteskrankheit als Kennzeichen eines Individuums an, das den Kontakt zur Realität seiner Kultur verloren hat. .... Ich sehe persönlich den wahnsinnigen Aktivismus der Menschen in unseren Großstädten - von Menschen, die versuchen, immer mehr Geld zu verdienen, mehr Macht an sich zu reißen, vorwärtszukommen - als ein bißchen verrückt an. Ist nicht diese Raserei ein Zeichen von Verrücktheit?" [Lowen, Alexander: Narzißmus - Die Verleugnung des wahren Selbst] [14, 15]
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