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Autowucher in Deutschland | Mit dem Sozialstaat stirbt die Demokratie
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Nur die erste Windböe eines Orkans
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Interview: Stefan Wogawa jw
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Arbeitslosigkeit wird in Deutschland vermutlich weiter steigen. Zweite Ökonomie gefordert. Ein Gespräch mit Frithjof Bergmann
* Frithjof Bergmann ist Professor für Philosophie und Anthropologie an der University of Michigan. Er gründete 1984 in der US-Automobilstadt Flint das erste »Center for New Work« und schuf damit eine Alternative zu Massenentlassungen. Er berät heute weltweit Nichtregierungsorganisationen, Gewerkschaften, Unternehmen und Regierungen
F: In Deutschland wurden in diesem Jahr nach offiziellen Zahlen mehr als fünf Millionen Arbeitslose registriert. Ist Ihrer Einschätzung nach der Gipfel der Arbeitslosigkeit erreicht?
Nein. Besonders in Deutschland spielt der Gedanke eine große Rolle, daß Entlassungen in der Produktion durch Neueinstellungen im Dienstleistungssektor kompensiert werden können. Aber gerade in diesem Bereich gehen enorm viel Arbeitsplätze verloren. Ein Beispiel ist der Verkauf der HypoVereinsbank, wodurch Zigtausende ihren Job verlieren. Die Arbeitslosigkeit wird also weiter steigen. Was wir jetzt sehen, ist nur eine der ersten Windböen eines Orkans.
F: In den Konzepten der meisten Parteien, bei Wirtschaftsverbänden, in den Studien von Wissenschaftlern und in vielen Medien wird vor allem Wirtschaftswachstum als Lösung dargestellt.
Schauen wir uns doch die Faktoren an, durch deren Wirkung Arbeitsplätze abgebaut werden. An erster Stelle steht die Automatisierung, an zweiter die Globalisierung und an dritter die Wanderung vom Land in die Städte.
Dagegen wirken die in Deutschland diskutiertenVorschläge, als versuche man, mit einem Glas Wasser einen Waldbrand zu löschen. Ein bißchen mehr arbeiten, die Lohnnebenkosten senken, Tarifverträge lockern – die Debatte in Deutschland ist lächerlich. Man verschließt die Augen vor der Größe des Problems.
F: In der öffentlichen Debatte wird meist über Sachzwänge geredet, denen sich angeblich keine Regierung entziehen kann. Welche Alternativen gibt es?
Wenn man sich die Dimension des Problems eingestanden hat, ist klar, daß nur eine umwälzende Erneuerung die Antwort sein kann. Die Antwort der »Neuen Arbeit« besteht darin, daß zwei neue Formen der Arbeit entwickelt und institutionalisiert werden. Eine davon ist die gemeinschaftliche, die postindustrielle Produktion, die Herstellung vieler Güter in Nachbarschaftsshops. Mit steigender Intensität soll immer mehr dezentral erzeugt werden, vor allem Konsumgüter. Das soll nicht allein, sondern vor allem in gemeinschaftlichen Produktionsräumen stattfinden. In Südafrika erproben wir das gerade in Slums und in abgelegenen Dörfern.
F: Und welche Ideen gibt es für Europa?
Da möchte ich die zweite Form der »Neuen Arbeit« anführen. Sie besteht darin, daß man die Menschen endlich unterstützt, diejenige Arbeit zu finden, die ihrer Persönlichkeit entspricht; also die Arbeit, die sie wirklich leisten wollen. Dazu müssen Fördergelder bereitgestellt werden. Als Einstieg reicht ein Bruchteil dessen, was als Subvention an die Wirtschaft fließt.
F: Aber es geht dabei nicht nur um Arbeit, die marktfähig ist?
Es gehört zu den Problemen seit der sogenannten Wende von 1989, daß der Markt als letztes Naturgesetz angesehen wird. Inzwischen wurde die ganze Dritte Welt dazu genötigt, sich ungebremst in Marktwirtschaften zu verwandeln. Die Resultate dort sind verheerend. Die Gewalt hat zugenommen, die Kluft zwischen Arm und Reich wird tiefer.
F: Also könnten die Industriestaaten von der Dritten Welt lernen?
Das wäre unbedingt nötig. Die Annahme ist falsch, daß sich die Situation in Deutschland vorwiegend deshalb verschlechtert, weil Fehler gemacht werden. Sie verschlechtert sich, weil dieses Wirtschaftssystem so ist, wie es ist.
Oberflächliche Kosmetik kann die Dynamik des Systems nicht verändern. Und diese Dynamik geht in Richtung Abschaffung von Arbeitsplätzen und zunehmender gesellschaftliche Polarisierung. Wir brauchen eine zweite Ökonomie, wie ich sie in den beiden Formen der »Neuen Arbeit« skizziert habe. [Quelle: http://www.jungewelt.de (v. 10.08.05)]
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