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US-Mikrowellenkanone gegen Aufständische... | Wo bleibt Euer Aufschrei?  

Wann wacht der verdummte deutsche Michel endlich..

Wann wacht endlich der Mittelstand auf?

Was muß alles noch passieren damit eine Mehrheit der Bevölkerung erkennt, was es geschlagen hat?


Global brutal

Während die Massenarmut und der Terror gegen die Herausgefallenen sich ausbreiten, haben
wir es gleichzeitig mit der ebenso allgegenwärtigen wie albernen Inszenierung einer neuen »Gründerzeit
« zu tun.
Ökonomisch stimmt das sogar in gewisser Weise; freilich ganz und gar nicht in
dem Sinne, wie es offiziell dargestellt wird, nämlich als wundersames und »arbeitsplatzschaffendes
« Wirken ideenreicher »Existenzgründer«. In dieser Hinsicht handelt es sich, abgesehen
vielleicht von einigen »arbeitsmarktpolitisch« unbedeutenden Nischen für eine gewisse postmodern

gestylte Szene von gesellschaftlich gedankenlosen Computer-Bastlern (Software, Internet-Design
etc.), durchweg um eine Galerie von Absonderlichkeiten. Was etwa in der deutschen »Wirtschaftswoche
« unter der Rubrik »Schumpeter« so alles an Gründerbeispielen aufgeführt wird, vom
Fernmanagement für Open-Air-Konzerte in China bis zur Ausrichtung von Prunkhochzeiten für
Besserverdienende, ist eher eine Realsatire auf den erhofften Dienstleistungskapitalismus. Aber in
einem ganz anderen Sinne handelt es sich tatsächlich um eine neue »Gründerzeit«, die den Krisenkapitalismus
der Dritten industriellen Revolution vorläufig äußerlich gesund geschminkt hat -
nämlich in Gestalt einer Neuauflage des »großen Schwindels«.
Genau wie in der Zeit vor dem großen »Gründerkrach« und vor dem »Schwarzen Freitag« der
Weltwirtschaftskrise wird seit den frühen 80er Jahren die innere Schranke der realen Kapitalakkumulation
(der rentablen betriebswirtschaftlichen Verwertung von Arbeitsenergie) zunächst dadurch
überspielt, daß der Kapitalismus in das Stadium einer rein finanzkapitalistischen »Geisterakkumulation
« übergegangen ist. Hatte aber schon die Entkoppelung der Finanzmärkte von der
realökonomischen Kapitalakkumulation in den Jahren vor 1929 dem Umfang und der Reichweite
nach den analogen Prozeß in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts weit übertroffen, so sprengt
nun der neue postmoderne »Kasinokapitalismus« alle Grenzen und nimmt quantitativ wie qualitativ
völlig neue Dimensionen an. Und das ist nur logisch; denn die Dimensionierung der finanzkapitalistischen
Kreation von »fiktivem Kapital« (und des unvermeidlich nachfolgenden »Krachs«) verhält
sich spiegelbildlich zum Stand der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung und der damit verbundenen
Durchkapitalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse.
So entsprach die spekulative Blase der Gründerzeit dem Stand der Ersten industriellen Revolution,
in der die Verwertungsbewegung des Geldes sowohl national als auch international noch in
vielfacher Hinsicht relativ beschränkt war. Der Spekulationsboom der 20er Jahre, der am »Schwarzen
Freitag« 1929 zusammenbrach, gehörte zur Inkubationsphase der Zweiten industriellen
Revolution, die bereits einen höheren Grad kapitalistischer Vergesellschaftung voraussetzte; deshalb
hatte die finanzkapitalistische »Fiktionalisierung« der Ökonomie als scheinbarer Ersatz für den
zunächst ausbleibenden fordistischen Boom auch eine entsprechend größere Dimension als 60 Jahre
zuvor und schlug mit größerer Wucht im Weltmaßstab durch, obwohl die realökonomische Vernetzung
durch den Weltmarkt sogar zurückgegangen war. Der »Kasinokapitalismus« am Ende des
20.Jahrhunderts schließlich ist das unvermeidliche Produkt der Dritten industriellen Revolution; die
finanzkapitalistische »Fiktionalisierung« findet jetzt nicht nur in einem flächendeckenden und weitgehend
ökonomisch synchronisierten, kapitalistischen Weltsystem statt, sondern sie muß auch die
weitergehende Akkumulation eines durch den fordistischen Wachstumsschub um ein Vielfaches
vergrößerten Kapitalstocks simulieren.
Diese neue Qualität zeigt sich zunächst am Charakter der Arbeitsmarktkrise. Denn die neue
strukturelle Massenarbeitslosigkeit im Weltmaßstab, die erstmals auch die gesamte Peripherie erfaßt,
ist nicht etwa wie nach 1929 (und in stark eingeschränktem Maße nach 1873) erst die Folge
eines finanzkapitalistischen Zusammenbruchs, sondern sie baut sich vielmehr schon vorher auf,
parallel zum Scheinboom der »fiktionalisierten« Akkumulation von Finanztiteln. Mit anderen Worten:
Die Schere zwischen den produktiven Potenzen und den »Marktgesetzen« klafft auseinander
wie nie zuvor. Einerseits wird durch die Dritte industrielle Revolution in der kapitalistischen Form
ein globaler Schub von ungeheurer Massenarmut erzeugt, andererseits die Produktionspotenz in einem
nie dagewesenen Ausmaß gesteigert. Das Resultat sind entsprechend riesige globale
»Überkapazitäten« der Realökonomie. Es gibt zunehmend Verdrängungskonkurrenz und Bankrottwellen;
die Rentabilität zusätzlicher Realinvestitionen stürzt im Verhältnis zur Masse des bereits
akkumulierten Geldkapitals steil ab, weil ja sowieso nach kapitalistischen Kriterien schon viel zu
viel Kapazitäten aufgebaut worden sind. Damit das gesamte Weltsystem nicht zusammenkracht,
muß die finanzkapitalistische »Fiktionalisierung« also im Verhältnis zu den beiden früheren Spekulationsblasen
eine unvergleichlich größere Masse von »fiktivem Kapital« bewegen - analog zur
entsprechend größeren Steigerung der Produktivität durch die Mikroelektronik. Die jetzt schon offen
sichtbare strukturelle Massenarbeitslosigkeit und Massenarmut ist ein Indikator dafür, in welch
phantastischem Ausmaß das »fiktive Kapital« aufgeblasen wird, um einen ungebremst weitergehenden
Akkumulationsprozeß simulieren zu können.

Zusammen mit den massenhaft »überflüssigen« Menschen wird auch das Geld »arbeitslos« und
damit »entsubstantialisiert«.
Das ist insofern nichts Neues, als ja schon die Kriegswirtschaften des
20. Jahrhunderts und das »Wirtschaftswunder« der Nachkriegszeit (zumindest in seiner Verlängerung
und Überhöhung) nur durch eine ständig erweiterte Kreditfinanzierung möglich waren - also
durch einen immer weiter hinausgeschobenen monetären »Vorgriff auf die Zukunft«, auf zukünftige
»Wertschöpfung« und zukünftiges Einkommen. Darin reflektierte sich jener doppelte und historisch
eskalierende logische Selbstwiderspruch des Kapitalismus: nämlich erstens permanent abstrakte
»Arbeitsquanta« in der Geldform als Selbstzweck anhäufen zu müssen, während gleichzeitig die
»Arbeit« sukzessive überflüssig gemacht wird; und zweitens mit wachsender Vergesellschaftung
immer höhere kapitalistisch »unproduktive« Geschäfts oder »Gemeinkosten« der Marktwirtschaft
zu erzeugen, die tendenziell den produzierten Mehrwert zu übersteigen drohen und jedenfalls aus
den laufenden Einkommen nicht mehr alimentiert werden können.[ 1]

Diese letzte Form der
»Modernisierung« ist zugleich Selbstauflösung und Selbstzerstörung der Moderne, wie sie ja bereits
in vieler Hinsicht Dehumanisierung ist, also in ihren zivilisatorischen Standards selbst noch hinter
archaische Gesellschaften zurückfällt.

Die vermeintlichen neuen Herren der Welt, die
der schwindenden globalen Kaufkraft und Rentabilität nachjagen, können sich nur noch gegenseitig
auffressen und auf diese Weise jene realökonomischen »Überkapazitäten« vernichten, die den letzten
Rest kapitalistischer »Normalität« in dieser Welt ausmachen
.[ 2]

Die Dämonen erwachen

Der Kapitalismus ist am Ende seines Blindflugs durch die Geschichte angelangt, er kann nur noch zerschellen.

Aber je unabweisbarer es wird, daß sich die Menschheit nicht länger in den Formen der
»schönen Maschine« und ihrer nur noch stotternden Selbstzweck-Bewegung reproduzieren kann,
desto mehr verhärtet sich die kapitalistische Bewußtseinsform. Die Weltkrise der Dritten industriellen
Revolution trifft auf kein emanzipatorisches Projekt mehr, das als gesellschaftliche Alternative
mobilisierbar wäre. Radikale Kapitalismuskritik gilt allgemein nur noch als skurriler Anachronismus,
weil sie im gesellschaftlichen Bewußtsein (vom »Mann auf der Straße« ebenso wie von der
sozialwissenschaftlichen Literatur) einzig und allein mit dem musealen, hoffnungslos obsoleten Arbeiterbewegungs-
Paradigma identifiziert wird, das in Wirklichkeit immer systemimmanent
geblieben ist. So verschwindet die theoretische Reflexion überhaupt aus der kapitalistischen Öffentlichkeit;
sie wird vordergründig durch eine selbstbezügliche mediale Effektkultur ersetzt, der es nur
noch um die Erregung von Aufmerksamkeit geht: »Theorie« als Geschäftsunternehmen wie jedes
andere.
Aber der spielerische postmoderne Kulturalismus, der noch die Armut in ein Kostüm und die
soziale Erniedrigung in ein Spiel umdefiniert, ist nur ein dünnes Oberflächengeschehen, unter dem
schon etwas ganz anderes sich regt.
Mag auch die »Ökonomie des Als-ob« zu einer »Kultur des
Als-ob« geführt haben, die scheinbar nichts mehr ernst nimmt und gleichzeitig hochtourig demokratisch
biedermeiert, so ist die Wahrheit der kapitalistisch nicht zu bewältigenden Krise doch blutiger
Ernst und läßt sich immer weniger verdrängen.
Schon gar nicht mehr heimlich, still und leise sucht
sich das verstockte gesellschaftliche Bewußtsein, das auf Biegen und Brechen an den sozialen Verkehrsformen
des Kapitalismus festhalten will, ein neues Paradigma - das älteste der bürgerlichen
Ideologie. Die Dämonen sind erwacht, sie kehren mit Riesenschritten wieder im Denken und Handeln
der konkurrierenden postmodernen Monaden. Eine neue radikale Biologisierung der
Gesellschaft bricht sich Bahn, das menschliche Tierreich des 19. Jahrhunderts kehrt in einer nur oberflächlich modernisierten Gestalt zurück.

Die Fata Morgana der Dienstleistungsgesellschaft
Natürlich wissen oder ahnen die kapitalistischen Funktionseliten, daß irgendwann das Ende der
Fahnenstange erreicht ist. Wenn nicht bald doch noch ein neuer Wachstums- und Beschäftigungsschub
im Weltmaßstab einsetzt, wird das geschehen, was im frühen 19. Jahrhundert auf einer viel
niedrigeren Entwicklungsstufe schon einmal dicht bevorgestanden hatte: das Zerbrechen der stur in
ihrer Form festgebannten kapitalistischen Gesellschaft in permanenten Bürgerkriegen und Belagerungszuständen,

in Terror und Wahnsinn. Der Zero-Tolerance-Diskurs ist ein Indiz für die
wachsende Furcht der Eliten, daß die Lage völlig außer Kontrolle geraten könnte. Weil aber klar ist,
daß allein uniformierte Gewalt, neue Straf- und Arbeitslager keine zusätzliche Kapitalakkumulation
herbeiprügeln können, muß sich auch der ökonomische Hoffnungsdiskurs weiterschleppen, so ausgemergelt
er inzwischen auch sein mag.
Daß es mit den industriellen Wirtschaftswundern für immer vorbei ist, hat sich inzwischen herumgesprochen.
[ 3 ]



Die gängige Hoffnung, der Dienstleistungssektor werde die derzeitigen Probleme am Arbeitsmarkt lösen, ist
falsch<, sagte Kraus. Die Ursache für die >düstere< Beschäftigungssituation der kommenden zehn
Jahre liege in den zu erwartenden Auswirkungen der modernen Informationsverarbeitung. Bislang
seien durch das Umstellen vieler Dienstleistungstätigkeiten auf Computer nur wenige Arbeitsplätze
abgebaut worden. Aufgrund des Kostendrucks werde es jedoch in naher Zukunft zu >massiven Veränderungen<
in der Arbeitswelt kommen.
Thome und Kraus bezogen in ihrer Untersuchung drei Viertel aller knapp 22 Millionen Arbeitsplätze
im Dienstleistungssektor ein. Im Handel werde danach jeder zweite der 3,4 Millionen
untersuchten Arbeitsplätze durch automatisierte Kassen, elektronische Zahlungsmöglichkeiten und
Internet-Einkäufe ersetzt. In der öffentlichen Verwaltung seien es 2,6 Millionen Stellen, die durch
Büroautomation eingespart würden. Am größten werden nach Kraus' Worten die Auswirkungen im
Bankgewerbe sein. 80 Prozent des Bankgeschäfts seien beratungslose Wiederholungsvorgänge, die
sich vollständig automatisieren ließen. Dadurch fielen künftig 61 Prozent der 772000 Arbeitsplätze
weg. >Bedroht sind Stellen mit normalen Sachbearbeiter-Funktionen, wo lediglich reine Informationen
zusammengeführt werden<, sagte Kraus. Eine Lösung haben die Wissenschaftler nach
eigenem Bekunden nicht [...]«(Deutsche Presse-Agentur, 11.6.1997).
In der Tat hat die Deutsche Bank, das größte Geldhaus hierzulande, allein zwischen 1993 und 1996
bereits 20 Prozent ihres Personals abgebaut, und ein Ende ist noch nicht abzusehen. Inzwischen erfaßt
dieser Prozeß auch andere Sektoren des Geld- und Versicherungswesens; so teilte der
Bundesverband der Deutschen Volks- und Raiffeisenbanken mit, daß bis zum Jahr 2008 von den
jetzt noch 17000 Filialen 7000 geschlossen werden sollen (Handelsblatt v. 27.5. 1999). Und das
»Einkaufen in Läden ohne Verkäufer« hat auch schon seine ersten Testläufe hinter sich:
»In Japan testet der Einzelhandel derzeit in einigen Bereichen vollautomatisierte Läden, in denen
keine Mitarbeiter anzutreffen sind
[...] Der Laden ist in vier Bereiche aufgeteilt. In einem Bereich
wird die Ware ausgestellt, in einem zweiten bestellt, in einem dritten bezahlt und in einem vierten
schließlich ausgeliefert [...] Ein anderes derartiges Projekt ist vor einiger Zeit im Bereich des Video-
Verleihs angelaufen. Das System arbeitet ähnlich wie die derzeit von den Banken betriebenen
Bankgeldautomaten [...] Kernstück [...] ist eine vollautomatisierte Maschine, die wie ein Gabelstapler
arbeitet [...]« (Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 19.3.1997).
Dasselbe gilt für andere Bereiche des tertiären Sektors wie etwa den Tourismus, das Gaststättengewerbe,
Kinos usw. und andererseits die sogenannten »unternehmensnahen Dienstleistungen« wie
Steuerberater und Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater, Architekten, technische Planer, Kfz und
Maschinenvermieter, Speditionen und Logistiker, EDV-Dienstleister, Werbeagenturen, »Entsorgungswirtschaft
« usw. Einerseits gibt es auch in diesen Bereichen riesige Potentiale
mikroelektronischer Substitution von menschlicher Arbeitskraft: »Im Prinzip lassen sich die meisten
personenorientierten Dienstleistungen technisch reproduzieren und rationalisieren«
(Bender/Graßl 1997). Andererseits gehen die Service-Sektoren auch durch den Abbau von Arbeitsplätzen
anderswo sowie die Reduktion gesamtgesellschaftlicher Kaufkraft und Konsumnachfrage
zurück. So hatte ja schon die Weltwirtschaftskrise gezeigt, wie große Armutsschübe Gaststätten und
Brauereien ruinieren, weil die Nachfrage drastisch schrumpft. Die Gastwirte können sich eben nicht
gegenseitig Bier ausschenken. Auch beim Tourismus handelt es sich um eine »sekundäre Warenproduktion
«, die von industrieller Massenkaufkraft abhängig bleibt. Gerade dieser Sektor ist trotz
zunehmender Massenarbeitslosigkeit nur deswegen noch nicht eingebrochen, weil viele Leute eher
auf andere Dinge verzichten oder den nächsten Urlaub eben nicht mehr aus laufenden Einnahmen,
sondern aus ihren Ersparnissen finanzieren. Aus der Substanz kann aber dieser Konsum nicht lange
alimentiert werden. Sowohl hinsichtlich der Nachfrage als auch hinsichtlich der Rationalisierung
sind die Risse im Tourismus (einem der letzten Boom-Sektoren) schon sichtbar:
»Die Suche nach günstigen Angeboten wird immer hektischer. In den letzten Jahren blieb die Tourismus-
Branche zwar weitgehend von der Wirtschaftskrise verschont, doch das hat sich geändert.
>Jetzt fangen die Leute an, auch am Urlaub zu sparen<, sagt die Reisebüro-Leiterin Ingrid Ziegler.
Damit werden die Zukunftschancen in den Tourismusberufen schlechter. Hapag-Lloyd zum Bei-spiel übernimmt kaum noch Auszubildende - obwohl nur die Besten überhaupt einen Platz ergattern
[...] Die technische Entwicklung hat die Arbeit der rund 55 000 Mitarbeiter von Veranstaltern und
Reisebüros in den letzten Jahren grundlegend verändert [...] Schon heute können Internet-Nutzer
ihre Bahn- und Flugtickets selbst buchen. In fünf Jahren (werden) nicht nur sämtliche Fahrkarten,
sondern auch viele Pauschalreisen daheim am Computer gekauft [...] Die Folgen dieser
Entwicklung für die Betriebe sind noch nicht absehbar« (Hoffmeyer 1997).
Sogar direkt abhängig vom industriellen Sektor sind natürlich die »unternehmensnahen Dienste«,
bei deren Expansion in den letzten Jahren es sich großenteils gar nicht um neue, zusätzliche
Beschäftigungssektoren handelt, sondern in Wahrheit um die Auslagerung (»Outsourcing«)
ursprünglich innerbetrieblicher Abteilungen wie Fuhrparks, Datenverarbeitung etc. Dabei erzeugt
allein schon diese Umschichtung Rationalisierungseffekte, wie sogar noch stolz betont wird, so daß
die Expansion derartiger unternehmensbezogener Service-Betriebe schon von Haus aus mehr mit
dem gesamtgesellschaftlichen Abbau von Arbeitsplätzen verbunden ist als mit einer gelingenden
»postindustriellen« Transformation der kapitalistischen Arbeitsgesellschaft.
Insgesamt läßt sich eindeutig sagen, daß der tertiäre Sektor keine neue Ära der »postindustriellen
« Kapitalakkumulation und damit auch kein Auffangbecken für die strukturelle
Massenarbeitslosigkeit im Weltmaßstab bilden kann. Die Dritte industrielle Revolution wird auf
mittlere Sicht die »Beschäftigung« in fast allen Sektoren der Dienstleistungen ebenso wegrationalisieren
wie in der Industrie selbst. Fast noch stärker als bei den industriellen Betrieben fallen bei den
Dienstleistungen auch die indirekten Folgen der mikroelektronischen Revolution ins Gewicht, weil
hier nicht allein einzelne Unternehmen niederkonkurriert, sondern ganze Branchen als
nachgeordnete Warenproduktion (oder als staatsabhängige Bereiche) durch die industrielle
Massenarbeitslosigkeit von ihrer Nachfrage abgeschnitten werden. Die Kettenreaktion der Krise,
die in den westlichen Ländern noch nicht voll auf den Dienstleistungssektor durchgeschlagen hat,
wird auch in dieser Hinsicht nicht auf sich warten lassen. [ 4]

Einen Dienstleistungskapitalismus
im Sinne eines großen gesellschaftlichen Wandels wird es nicht geben.
Weil die Ideologen des Kapitalismus diesen Tatbestand jedoch nicht wahrhaben wollen, greifen
sie inzwischen zu einer letzten, ebenso verzweifelten wie unverschämten Option: Wenn es schon
keinen Aufbruch in eine verallgemeinerbare »Beschäftigung« durch Freizeitgestaltungs- und
Bildungsunternehmen,Gesundheitsdienste und Kunstagenturen usw. geben kann, dann sollen sich
die individualisierten »Unternehmer ihrer Arbeitskraft« eben millionenfach mit dem bescheiden,
was die verunglückte Dienstleistungswelt noch hergibt: Als sklavenähnliche Domestiken der Besserverdienenden
werden sie sich leider für ein paar Pfennige oder eine warme Mahlzeit verdingen
müssen.
Es ist eine böse Ironie dieser absurden Debatte, daß sie das ursprüngliche historische
Argument von Daniel Bell geradezu auf den Kopf stellt. Um die Bedeutung seines Konzepts der
»nachindustriellen Gesellschaft« besser zu verdeutlichen, hatte Bell deren hypothetische Merkmale
mit denjenigen der früheren Formationen verglichen und war dabei hinsichtlich der vor- und frühindustriellen
Gesellschaft zu folgenden Eigenschaften gekommen:
»Auf Grund der niedrigen Produktivität und der hohen Bevölkerungsziffern gibt es viele Unterbeschäftigte,
die gewöhnlich in der Landwirtschaft und als häusliches Dienstpersonal unterzukommen
suchen. So liegt der Anteil der Dienstleistungsberufe, vornehmlich in Form persönlicher Dienstleistungen
im Haushalt, ziemlich hoch. Da es dem einzelnen vielfach nur ums nackte Auskommen
geht, sind Dienstboten billig und das Angebot groß [...] In England z. B. stellten die Domestiken bis
in die Mitte der Viktorianischen Ära mit Abstand die größte Berufskategorie in der Gesellschaft
dar. Selbst Habenichtse wie Becky Sharp und Captain Rawdon Crawley in Thackerays Roman
Jahrmarkt der Eitelkeit halten sich Diener [...]«(Bell, a.a.O., 133).

Man kann sich vorstellen, welche Zustände herrschen werden, wenn es der kapitalistischen »Arbeitsverwaltung
« erst einmal gelungen ist, den »Überflüssigen« alle sozialen Rechte zu nehmen und
sie in ein erbärmlich bezahltes Domestikendasein abzudrängen. Noch zögerlich und wie abwartend,
ob nicht eine wütende Reaktion kommt, aber zunehmend forsch wittert das alte bürgerliche
Herrenmenschen-Bewußtsein postmoderne Morgenluft:

Warum eigentlich nicht zugeben, daß soviel Dummdreistigkeit Prügel verdient? Was für eine Vorstellungswelt:

Eine Kaste von Besserverdienenden, geschützt in schwerbewachten Luxusghettos;
überall patrouillierende schwerbewaffnete Zero-Tolerance-Polizei; die »überflüssigen«
Menschenmassen teils im Gefängnis oder im Arbeitslager, teils als willfährige Domestiken dienend. Genau so
muß das Endstadium der Demokratie aussehen. Und das alles nur deswegen, weil der Kapitalismus
die ungeheuren Produktivkräfte der Dritten industriellen Revolution nicht mehr in seine Form pressen kann.

Aber eben deswegen erweist sich der ganze Dienstleistungs-Diskurs auch in seiner bösartigen Verfallsform als völlig illusorisch. Soviel besserverdienende Parvenüs gibt es gar nicht, daß sie die
Millionenmassen der Arbeitslosen und Herausgefallenen zu ihrem dienenden »Personal« machen
könnten. Im Gegenteil, die Möchtegern-Sklavenhalter sind selber nur ökonomisch »Tote auf Urlaub
«, die sich gerechterweise im Prinzip schon darauf einstellen können, demnächst eigenhändig
zu Schuhputzzeug und Scheuerlappen greifen zu müssen. Was die USA bereits vorexerziert haben,
greift nun auch in Europa rapide um sich - der soziale Absturz der Mittelklasse:
»Daß sich etwas verändert hat, das spüren alle, die bisher mit den Vertretern der Randschichten

der Gesellschaft zu tun hatten - und die sich plötzlich Menschen gegenübersehen, die bis vor
kurzem der Mittelschicht angehörten [...] Politiker und Ökonomen sind alarmiert. Die jetzt betroffene Mittelschicht
- leistungswillige Angestellte, geschäftstüchtige Selbständige, aber auch gutbezahlte
Facharbeiter - bildete jahrzehntelang das Rückgrat der deutschen Nachkriegsgesellschaft [...]
Soziologen registrieren im Bürgertum eine wachsende Angst vor dem Absturz. Die Furcht ist
berechtigt sagen die Experten vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung: >Das Armutsrisiko
reicht heute bis weit in die mittleren Einkommenslagen hinein<
[...]« (Der Spiegel40/1997). [S.408]
[5 ]
Die neue Massenarmut
Es gibt inzwischen keinen Zweifel mehr daran (und wird auch als Faktum kaum noch bestritten),
daß die Krisenschübe der 80er und 90er Jahre im Verein mit den Auswirkungen des staatlichen
Rückzugs aus der sozialen Verantwortung und des neoliberalen Kreuzzuges die größte Welle der
Massenverarmung seit dem frühen 19. Jahrhundert ausgelöst haben. Alle aus der fordistischen Epoche
noch übriggebliebenen Hoffnungen der ehemaligen kolonialen Weltregionen auf eine
eigenständige »Entwicklung« im Rahmen des kapitalistischen Weltmarkts haben sich in Rauch aufgelöst.
Der größte Teil - der sogenannten Dritten Welt wurde vollständig ruiniert, zuletzt sogar die
wenigen südostasiatischen Länder, in denen die nachholende Industrialisierung gelungen zu sein
schien. Die furchtbare Enttäuschung, vom gedeckten Tisch eines vollindustriellen Konsumniveaus
weggeprügelt zu werden, kaum daß er in Sichtweite geraten war, hat traumatische Spuren in Ländern
wie Südkorea, Thailand, Indonesien oder Malaysia hinterlassen.
Noch schrecklicher muß diese Erfahrung in den Zerfallsstaaten der ehemaligen Sowjetunion
und in ganz Osteuropa sein, wo jahrzehntelang ein vollindustrielles System in staatskapitalistischen
Formen existiert hatte, wenn auch mit einem im Vergleich zum Westen niedrigeren Konsumniveau.
In diesen Ländern wurden binnen weniger Jahre die erreichten Standards in allen Lebensbereichen
vollständig weggenommen. Im Westen selber sind es inzwischen ganze Regionen und von Jahr zu
Jahr größere Bevölkerungsgruppen, die ein ähnlich traumatisches Absinken in die Massenarmut erleben,
allerdings von einem höheren Lebensstandard aus.

[1]Die Geschichte der Dritten industriellen Revolution / Seite 409/410
Kasinokapitalismus: Das Geld wird arbeitlos, ]
[2] Die Geschichte der Dritten industriellen Revolution / Die Fata Morgana der Dienstleistungsgesellschaft
Seite 403 w.u.1
[Quelle: Robert Kurz: "Schwarzbuch Kapitalismus" ]




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