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Tiefenpsychologische Körpertherapie | Psychotherpieforschung 1
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Gesellschaftlicher Hintergrund des Psychobooms
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Psychotherapie
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Kaum ein Bereich der Psychologie und Medizin hatte in den letzten Jahren einen so beispiellosen Aufschwung zu verzeichnen wie die Psychotherapie: Sie hat sich nicht nur als wissenschaftliche Fachdisziplin etabliert, sondern sie hat auch ein wachsendes öffentliches Interesse zu mobilisieren vermocht, was zu einer ungeahnten Popularisierung psychotherapeutischen Wissens und einer enormen Verbreitung und Ausdifferenzierung der Anwendungsmöglichkeiten führte. Die Frage, was diese wachsende Bedeutung der Psychotherapie ausgelöst haben könnte, läßt sich vermutlich nur vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung beantworten. Zumindest haben zwei sich gegenseitig verstärkende gesellschaftliche Entwicklungstrends diesen Aufschwung deutlich begünstigt: einerseits eine erschreckende Zunahme belastender Faktoren für den einzelnen und andererseits ein Rückgang und Defizit des traditionell vorhandenen Potentials an zwischenmenschlicher Hilfe.
Getragen wurde dieser Aufstieg - der sich zeitweilig geradezu zu einem »Psychoboom« auswuchs - vor allem auch durch die geweckten Hoffnungen auf die Weiterentwicklung des Sozialstaates (»Machbarkeit von Lebensqualität«) und das zu Anfang noch weitgehend ungebrochene Vertrauen in den Fortschritt durch Wissenschaft. Vor allem in den westlichen Industriegesellschaften verstand sich Psychotherapie als vielversprechender Weg in Richtung auf eine bessere Welt. Gerechtfertigt war und ist der Ausbau der psychotherapeutischen Versorgung durch das erschreckend hohe Ausmaß an Leid und psychischem Elend. Wachsender Arbeitsstreß, erhöhte Leistungsanforderungen, Anpassungsdruck und gesellschaftliche Normierung des menschlichen Verhaltens, fehlende Selbstbestimmung und Partizipation, Orientierungslosigkeit im zwischenmenschlichen Bereich sind nur einige, wahllos herausgegriffene Beispiele, die in einem offenkundigen Zusammenhang mit psychischem Wohlbefinden stehen. Übereinstimmend belegen epidemiologische Untersuchungen, daß vermehrte pathologische Anzeichen oder psychisches Leiden bei einer Mehrzahl der Bevölkerung festzustellen sind (Deutscher Bundestag, 1975, 7). Die Zunahme bestimmter Störungsformen wie Alkoholismus, Drogenabhängigkeit, Medikamentenabusus, Selbstmordversuche oder psychosomatischer
Beschwerden sind Hinweise auf vergebliche Bewältigungsversuche ungelöster Konflikte innerhalb unseres Gesellschaftssystems. Die breite Kluft zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und persönlichen Bedürfnissen erscheint für den einzelnen kaum mehr überbrückbar. Hochentwickelte Industriegesellschaften haben mit ihrem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zu einer weitgehenden Angleichung und Vereinheitlichung des einzelnen innerhalb einer immer perfekter funktionierenden, vermarkt- und verwaltbaren Massengesellschaft geführt. Eine individuelle Entwicklung und Lebensgeschichte wird nur innerhalb sehr enger Grenzen zugelassen. Einem rapiden Verfall von hoffnungsvoller Lebensbejahung und Vertrauen zu sich selbst bei großen Bevölkerungsgruppen - wie Jugendlichen und alten Menschen - steht die Auflösung gewachsener sozialer Strukturen, die Geborgenheit und Hilfe vermitteln können, gegenüber. Fortschreitende Urbanisierung, Isolierung des einzelnen, verwaltungstechnische Anonymisierung und schließlich auch die Säkularisierung, die die Kirche aus ihrem »seel«-sorgerischen Aufgabenfeld herausgedrängt hat, haben dazu geführt, daß auch hier die Zuständigkeit neu bestimmt werden mußte. Der gute Freund wird durch den wissenschaftlich vorgebildeten Experten, die Großfamilie oder Gemeinde durch die Therapiegruppe ersetzt (Wetzel/Linster,
1980). Zur Bewältigung psychischer Problem haben sich neue Institutionen und »Dienstleistungsberufe für den persönlichen Bereich« (North, 1975) herausgebildet.
Die gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen der letzten Jahre sind an den Psychotherapeuten nicht spurlos vorübergegangen. Dem Optimismus und Therapieboom folgte prompt die Enttäuschung über die relativ gesellschafts- und sozialpolitische Bedeutungs- und Wirkungslosigkeit von Psychotherapie. Die allseits geweckten Hoffnungen auf mehr individuelle Lebensqualität und persönliches Glück wurden von der Wirklichkeit eingeholt. Einschneidende Sparmaßnahmen im Gesundheits- und Sozialbereich und Massenarbeitslosigkeit begegnen dem Psychotherapeuten nicht nur in der Person des Klienten, sondern betreffen und bedrohen auch ihn ganz persönlich. [Psychotherapie (Helmut Wetzel und Hans Wolfgang Linster): Digitale Bibliothek Band 23: Handwörterbuch Psychologie, S. 2840 (vgl. HWB Psych., S. 628) (c) Psychologie Verlags Union]
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