Es ist nun einmal eine abgegriffene, aber noch keineswegs überholte Allerweltsweisheit, daß nichts so schlecht zu vertragen ist wie eine Reihe von guten Tagen. Die Tatsache, daß man die Folgen des süßen Lebens mit einem permanenten Niveauabstieg zu bezahlen hat, ist nicht zu leugnen. In der Tat ist das rapide Absinken der Leistungskurve auf allen Gebieten heute kaum noch zu übersehen. Über diese betrübliche Tatsache kann der Hurra-Optimismus naiver Gemüter so wenig hinwegtäuschen wie die primitive Fortschrittsgläubigkeit dezidierter Materialisten, die den technischen Fortschritt, bedingungslos anbeten und wie eine heilige Monstranz vor sich hertragen. Im Grunde sind wir diesen überwiegend fragwürdigen Errungenschaften nicht einmal menschlich gewachsen. Wilhelm Röpke sah sich daher zu der lapidaren Feststellung veranlaßt: "Wir sind zivilisierte Barbaren, geistig-moralisch splitternackte Wilde mit Radio, Maschinengewehren und Cyklotronen." Eine unbewältigte Technik erweist sich in der Tat immer mehr als wahre Tyrannis der Menschheit. Die Passivität, mit der man heute ihrer zerstörerischen Gewalt begegnet, die uns irreparable Schäden durch Abgase, Giftanreicherung in Böden, Luft und Wasser, Strahlengefahren und Denauturierung zufügt, kann man bereits als Symptom nachlassender Widerstandskraft buchen. Sie deutet einen arg herabgeminderten Grad an Regenerationskraft und die totale Unfähigkeit, sich sozialen Modifikationen schnell und situationsgerecht anzupassen, an. Trotz seiner monomanischen Lust am Analysieren hat der heutige Mensch seine zentrale Orientierung verloren. Er ist nicht mehr imstande, die Welt anders als nur noch partiell zu erfassen, die Gesamtsicht und damit Übersicht ist verloren.(ein Heer von Fach-Idioten ist heute die Regel - eine Informationsflut, aber kein wirklicher Erkenntnisgewinn mehr) Bei aller hochgezüchtenIntellektualität, auf die er sich so viel zugute tut, kann er sein Leben kaum noch sinnvoll und eigengestaltet leben. Für die einfachen Zusammenhänge fehlt ihm der untrügliche Instinkt. Die Zersplitterung der Persönlichkeit signifiziert aber schon einen unaufhaltsamen ICH-Verfall. Der konturlose Mensch ohne Rückgrat ist heute der dominante Massentypus, ohne gefestigtes geistiges ICH, ein Mensch der Beliebigkeit und des Zufalls. Der einzelne wird dadurch immer mehr willenloses Objekt lebensfeindlicher Ideologien. Zum konfektionierten Serienfabrikat herabgewürdigt, schwebt er in Gefahr, jeder kollektiven Verführung, der er sich sowohl als Staatsbürger als auch als Konsument ausgeliefert sieht, zu erliegen. Der außengeleitete, narzißtisch deformierte Mensch von heute als Prototyp des Konsumenten, der in den USA zum ersten Mal als soziales Phänomen entdeckt und gedeutet wurde, paßt sich als genormter Zeitgenosse geschickt und kritiklos den jeweils gängigen und sanktionierten gesellschaftlichen Verhaltensweisen an und richtet sich unter Verzicht auf jede Originalität nach den jeweils gültigen Idolen aus. Auch bei uns macht dieser fragwürdige Lebensstil zunehmend Schule. Immer weniger zahlen sich auch hierzulande Leistungen und Fähigkeiten aus; immer höher stehen dafür "soziale" Tugenden wie gefällige Umgangsformen und totale Anpassung im Kurs. Abweichlerische Haltung hingegen wird von der Masse immer noch erbarmungslos geahndet.
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