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Dokumentation des Wahnsinns und der Dekadenz und . | Der Machtkampf mit den Robotern  

Das Elend der Jugend kommt vom Wohlstand

Lebensnotwendigkeit des Widerstandes

Was über die Lebensnotwendigkeit des Widerstandes gesagt worden ist, gilt für die Heranwachsenden im erhöhten Maß. Diese finden sich heute in einer Welt wieder, in der sie mit ihren organischen Anlagen wenig anfangen können. Es ist eine reichlich ausgestattete, aber künstliche Welt der leblosen Dinge, deren Regelmechanismen sich ein jeder zu fügen hat. Besonders die Großstadtumwelt ist nivelliert, steril und monoton. Kükelhaus spricht von einer »biologischen Entropie«, da gerade die vitalen Anregungen und Reize fehlen, die durch künstliche Angebote wie Kinderspielplätze, Kindergärten, Schulen, Heime, Zoos und Parkanlagen keineswegs ersetzt werden können. »Die Welt« wird bereits fertig aus dem Fernsehen bezogen, bevor die jungen Menschen überhaupt Gelegenheit hatten, die dort dargestellten Probleme am eigenen Leibe zu erfahren.

Eine weitere unnatürliche Bedingung ist, daß alle ab dem sechsten Lebensjahr der »Pädagogik« ausgeliefert sind. Ich sage ausdrücklich der Pädagogik, und nicht etwa den Pädagogen, denn das sind notgedrungen immer noch Personen. Es sind Menschen, denen zusammen mit den Kindern alle paar Jahre ein neues unfehlbares pädagogisches System aufgezwungen wird. Und dies geschieht im Namen des Fortschritts und einer sich arrogant gebärdenden avantgardistischen Wissenschaft, die wieder mit der »Fortschrittlichkeit« anderer Länder konkurriert.

Welches wissenschaftliche Weltbild liegt fast allen diesen pädagogischen Methoden zugrunde? Kein anderes als das mechan­istisch-technische. Das Kind wird genauso »bearbeitet«, wie der Schlosser ein Stück Eisen bearbeitet, das er bekanntlich einen Rohling nennt. Weil es sich in der Fabrik als »rationell« herausgestellt hatte, die Bearbeitungsvorgänge fließbandmäßig zu organisieren und zu automatisieren, so kann man nun in der Schule nicht rückständig bleiben. Man löst den altmodischen Klassenverband auf und läßt die Schüler wie Kugeln über ein fein ersonnenes System von Fließbändern rollen:

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sie rollen an einer Stelle zusammen, trennen sich dann wiederum, bilden anders kombinierte Gruppen, fallen durch eine Lücke, rollen seitwärts und rückwärts... Ein jeder Schüler trifft fortwährend auf neue Schülergesichter (falls sie noch eins haben) und natürlich auf eine Unmenge von Lehrern, die kaum noch die Namen der Schüler behalten können. Um das ganze System ökonomisch rentabel organisieren zu können, muß man natürlich genau wie in einer Fabrik große Materialmengen verarbeiten. Das heißt, es müssen möglichst tausend Schüler und mehr sein, um die Anlage auch effektiv zu »beschicken«; aber dafür schafft man ein großes »Einzugsgebiet«.

Das Gesamtsystem kann nun allerdings nicht mehr von einem menschlichen Gehirn überblickt und gesteuert werden, nicht einmal von dem eines Rektors. Das besorgt, wie sollte es anders sein, ein Computer; der ist dann auch in der Lage, die Prüfvermerke zu speichern, welche die Kügelchen auf ihren Stationen mitbekommen haben, um sie zu addieren, zu multiplizieren, zu dividieren und schließlich das Ergebnis zu attestieren. Das mehr oder weniger mit Wissen angefüllte Kügelchen rollt dann mit seinem Prüfungsvermerk zum nächsten System, das ist die Hochschule oder die Universität, deren Name schon ein Hohn ist; denn dort wird endgültig zum Fachidioten, wer es nicht schon ist.

Das ist alles schon schlimm genug. Das Verheerende an der Ausbildung der Jugendlichen ist aber etwas anderes. Diese Kinder haben genau wie die Erwachsenen einen Acht-Stunden-Tag oder mehr. Zu den Unterrichts­stunden kommen ja die Hausaufgaben und die in Bussen oder sonstwie sitzenderweise sich vollziehende An- und Abfahrt, die auch schon Stunden dauern kann. Und das in einer Lebensphase, in welcher der gesunde Körper nach nichts so lechzt wie nach Bewegung, Betätigung, Anstrengung, die er zur Ausbildung der Körperorgane auch nötig hat. Hoffentlich gibt es noch Leser, die sich daran erinnern, wie sie als Kinder der Pause entgegenfieberten, um dann wild herumzurennen. Aber damals hatte man auch noch die Schulwege — zu Fuß! Sage doch niemand, daß ab und zu eine Stunde Sport in der Woche den Drang junger Menschen nach aktiver körperlicher Betätigung ersetzen könne. Das kann nur eine tägliche Belastung bis nahe an die Grenze der altersmäßigen Belastbarkeit, also auch von entsprechender Dauer. Das könnte allerdings auch irgendeine Arbeit sein. Aber die hat der kluge Gesetzgeber, der den Sitzzwang der Kinder einführte, total untersagt.

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Wenn man das nun gegeneinander hält: das Verbot einer naturgemäßen Betätigung des Körpers – andererseits den Zwang zum Acht-Stunden-Sitz-Tag, dann kann man nur zu dem Schluß kommen, daß gesetzliche Zwänge dieser Art als Verbrechen an der Jugend angesehen werden müssen. Auch hier wird ein richtiger Gedanke durch den Absolutheitswahn ins Gegenteil verkehrt. Der Mißbrauch der Arbeitskraft von Kindern und Jugendlichen in den Frühzeiten des Kapitalismus ist zwar abgeschafft, aber inzwischen längst zum Mißbrauch ihrer Köpfe bei Verdammung des Körpers zur Untätigkeit geworden.

Den I-Punkt auf diese Entwicklung setzte vor einiger Zeit ein »Pädagoge«. Er verordnete seinen Schülern zwischen den Unterrichtsstunden Liegepausen, damit sie »völlige Ruhe« haben. Damit ist die Analogie zur Massentierhaltung perfekt, wo die Schweine und Kälber liegend gehalten werden, um sie schneller zu mästen – bei den Schülern soll offensichtlich auf diese Weise das Gehirn schneller gemästet werden – und das Ergebnis ist dann auch entsprechend!

Bis zum II. Weltkrieg war es noch so, daß die meisten Jugendlichen mit 14 Jahren die Schule verließen und ins Berufsleben gingen. Also in einem Alter, als sie noch begierig waren, endlich aus dem Zustand des Stillsitzens herauszukommen, um sich körperlich betätigen zu können. Heute drücken die meisten die Schulbänke, bis sie zwanzig Jahre und weit darüber hinaus sind. Diese Jugendlichen führen so lange ein Leben als Stubenhocker, daß sie sich danach eine andere, eine tätige Lebensweise, kaum mehr vorstellen können und auch immer weniger Lust dazu verspüren. Genauso theoretisch, wie ihr bisheriger Daseinsinhalt war, sind dann auch ihre Anschauungen über die Welt. Mit praktischer Arbeit mußten sie noch nie ihr Brot verdienen, und sie haben es auch noch niemals mit Tränen gegessen. Die Welt und sich betrachten sie als einen computer­gesteuerten Rechen­vorgang. Wenn die Wirklichkeit ihren Vorstellungen nicht entspricht, dann ist das »um so schlimmer für die Wirklichkeit«, wie Hegel einmal geantwortet haben soll.

Die Versorgung mit allem Lebensnotwendigen wie mit allem Unnötigen ist von Kindheit an kein Problem gewesen. Darum wird alles mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt vernascht.

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Hier beginnt auch die Schuld der Eltern, die ihre Kinder überfüttern, in der Meinung, ihnen damit Gutes zu tun. In Wahrheit haben sie den Kindern nicht nur die eigene Arbeit und die eigene Eroberung abgewöhnt, sondern auch die Fähigkeit, sich über etwas zu freuen. Die Eltern haben dem »Abgott Verwöhnung« Tribut gezollt, ohne zu wissen, wie Christa Meves sagt, »daß auf diese Weise Gefühl zugeschüttet statt gepflegt und entwickelt wird«.396 Nicht das Verweigern, sondern die sofortige Wunscherfüllung bringt den jungen Seelen Schäden.

Man braucht sich heute nur die Kinderzimmer, keineswegs nur in den »reichen« Familien anzusehen. Am augenfälligsten ist, daß sie mit Spielsachen überfüllt sind; hier wird das Wegwerfprinzip schon auf Spielzeugebene eingeübt. Eine Wertschätzung persönlicher Dinge kann bei dieser Fülle nicht aufkommen, ebensowenig eine emotionale Beziehung zu ihnen. Früher, als das kleine Mädchen eine Puppe bekam, war diese ihr ein und alles und vielleicht auch noch die zweite; doch wo sie im Dutzend herumliegen, finden sie kaum noch Beachtung. Das ist auch Demonstrativkonsum — man kann es sich doch leisten! (Die Spielzeugbranche soll jetzt die Spitze des Wachstums übernehmen und in elf Jahren ihren Umsatz verdoppeln!397) Doch der Schaden wirkt fort, »auch die Wunschfähigkeit der Erwachsenen ist durch die Flut der Angebote, mit der bereits ihre Kindheit erstickt wurde, vorgestanzt und eingeebnet.«398

Der materiellen Übersättigung in der Wohlstandswelt entspricht die Überfütterung der Psyche, die schon beim Kleinkind einsetzt. Die Fernsehprogramme wurden bereits erwähnt; deren Verlockungen wollen aber interessierte Kreise künftig noch vervielfältigen. Dazu sind in den letzten Jahrzehnten die weiten Reisen der Familien gekommen, wodurch den Kindern schon die schönsten Orte der Welt vorgeführt werden. Welche Eindrücke bleiben da noch aufgespart, bis sie erwachsen sind? Schon Andrew Carnegie hatte gefordert, daß »der erfolgreiche Mann seinen Kindern nicht die Gelegenheit zur Bewährung entziehen darf, indem er sie von seinem Reichtum ausgehen läßt.«399

Eine freiwillige Beschränkung des Kindes ist nicht zu erwarten. Es liegt gerade im Reifeprozeß begründet, daß es die ihm offenstehenden Möglichkeiten stets bis zur Grenze testet. Gibt ihm die Umwelt mehr Spielraum, dann wird es nicht in Dankbarkeit verfallen, es wird forsch bis zur neuen Grenze gehen; wie könnte es sonst auch seine eigenen Möglichkeiten testen?

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Es ist doch völlig uninteressant, geräumte Felder zu besetzen. Es wird die grenzenlose Nachgiebigkeit der Erzieher nicht etwa mit Achtung belohnen, sondern eher mit Verachtung beantworten. Es wird sich bei solchen Erziehern auch nicht geborgen fühlen, vielmehr vermuten oder sehen, daß sie gegen ihre Außenwelt ebenfalls wenig Widerstand leisten.

Den Schaden aus der antiautoritären Erziehung trägt nicht nur die zukünftige Gesellschaft, sondern jeder Unerzogene selbst. Denn er wird unweigerlich im Leben auf Widerstände stoßen, darauf aber nicht vorbereitet sein. Ein Mensch, der unter verwöhnenden Bedingungen aufgewachsen ist, hat die Grenzen der Umwelt und seine eigenen nicht erfahren. Wenn ihm jeder Druck und jeder Zusammenstoß mit anderen erspart blieb, dann glaubt er, nie mit Widrigkeiten rechnen zu müssen, und auch nicht damit, daß ihm andere überlegen sein könnten.400 Den negativen Wandel der Lebensumstände hat Ortega y Gasset beschrieben. »Wenn der alte Spruch lautete: >Leben heißt begrenzt sein und also mit dem rechnen müssen, was uns begrenz«, so schreit der neueste: >Leben heißt nirgends auf Grenzen stoßen und sich darum getrost sich selbst überlassen. Praktisch ist nichts unmöglich und grundsätzlich niemand niemandem überlegen<.«395

Heute gilt als Erziehungsprinzip, dem Heranwachsenden jede Widrigkeit fernzuhalten oder aus dem Wege zu räumen; er könnte sich ja sonst in seiner Entwicklung »beeinträchtigt« fühlen! Die Wohlstands­gesell­schaft kann sich solches leisten — und sie ist auch stolz darauf, daß sie es kann — Hunger, Strapazen und weitgehend auch die Krankheit von jedem Einzelnen fernzuhalten. Daß dieser damit auch jeder Möglichkeit verlustig geht, seinen Geist und seinen Körper zu trainieren sowie seine Grenzen kennenzulernen, das geht einer anorganisch denkenden Gesellschaft nicht ein. Der Jugendliche verträgt es jedoch viel weniger als die Älteren, wenn er nichts zu überwinden hat und damit auch auf das beseligende Gefühl verzichten muß, das dann eintritt, wenn er sich hin und wieder erfolgreich durchsetzen konnte. Und das eben nicht durch einseitige Spitzenleistungen im Schulstreß, sondern mit seiner Gesamtexistenz.

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»Wenn er nicht in der Frustration Geduld, in der Not Tapferkeit, im Leiden Entsagung lernt, kann sich die Seele des Menschen nicht entwickeln, oder, wenn der Leser es vorzieht, kann die Psyche nicht reifen. Und er wird den Reichtum und die Vielfalt jener Emotionen, die für den Menschen kennzeichnend sind, nie erfahren.«401

Die Frustration des Wohlstandsmenschen und besonders des Jugendlichen in der Wohlstandsgesellschaft entsteht infolge fehlenden Ernstes in seinem Dasein. Das Ziel der Ökonomie, der heutigen Politik und Pädagogik ist, allen Bedürfnissen mit dem Überfluß zu begegnen. Darin haben sie Erfolg gehabt; doch es gelingt ihnen gerade darum immer weniger, die Menschen zu befriedigen, weil Menschen vielschichtige Lebewesen sind. Das Leben ist für sie nur erträglich, wenn es darin jederzeit Aufgaben zu erfüllen gibt. Dies bleibt das große Problem zu allen Zeiten. Der Psychologe Tibor Scitovsky beantwortet die Frage: »Was macht ein Organismus, wenn seine sämtlichen Bedürfnisse befriedigt sind und sein Unbehagen beseitigt ist? Die ursprüngliche Antwort hierauf — daß er dann nichts mehr tut — ist inzwischen als falsch erkannt worden. – Der Zustand der vollkommenen Zufriedenheit und des Fehlens jeglicher Reize wirkt zunächst beruhigend, wird jedoch bald als langweilig und dann recht schnell als störend empfunden.«402



Die niedergerissenen Tabus



Wo konnten für die Frustrierten der Wohlstandsgesellschaft noch neue Reizzonen aufgespürt und zur allgemeinen Bedienung freigegeben werden? In dieser Verlegenheit entdeckte man in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, daß es da noch diese alten überlieferten Tabuzonen gab, deren Zäune man niederreißen könnte. Wer dachte in diesem Augenblick daran, daß auch dieser Vorrat nicht weit reichen würde?

Unter den Hochkulturen und unter den vielen bekannten Stammeskulturen dieser Erde gab es keine, die nicht bestimmte Bezirke des Seins mit einem Tabu belegt hätten – und das meist mit guten Gründen. Man sprach über gewisse Dinge nicht und zeigte sie erst recht nicht im Bild. Von den zehn Geboten Mose sprechen acht Verbote aus; nur das dritte und vierte enthalten Aufforderungen, etwas zu tun. Das Tabu war die fest gesetzte Grenze, über die das Pendel nicht ausschlagen durfte.

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Die anerkannte Norm drängte die Aggressions- und Sexualtriebe zurück und verstärkte die ohnehin vorhandenen inneren Hemmungen des Individuums. Mishan spricht von einem »psychischen Plasma«, das den einzelnen Menschen umgibt und das man vor allem in der Kindheit in keiner Weise geringschätzen darf.403

Erst der jüngsten Zeit blieb es vorbehalten, aus der Zerstörung von Tabus eine Art Sport zu machen. Die Voraussetzung dafür war der Sieg des mechanistischen Weltbildes. Dieses Weltbild, das begierig »Fakten« offenlegt, kann seinem Wesen nach keine Tabus dulden. Wo alles auf mechanische Ursachen und mechanische Wirkungen zurückgeführt wird, die sich wissenschaftlich »erklären« lassen, kann es keine Hemmungen geben, um irgend etwas vor dem Seziermesser oder vor dem Fotografen zu schützen. In der mechanistischen Denkweise ist die lebenswichtige Funktion der Tabus für das biologische und das psychische Dasein nirgendwo unterzubringen. Der religiöse Bereich konnte im Zeitalter des »wissenschaftlich begründeten Unglaubens« ohnehin nicht mehr geschützt werden; aber »Enthüllungen« in dieser Richtung interessierten nicht so sehr. Also blieb vor allem der Sexualbereich. Daß allerdings das Sextabu nach Jahrtausenden seiner Herrschaft schon in zwei bis drei Jahrzehnten ausgelöscht werden konnte, darin sieht Günther Anders zu recht »eine der epochalsten Revolutionen in der Kulturgeschichte der Menschheit«.404

Da konnte selbstredend die Schule mit ihrem »Bildungsauftrag« nicht mehr an sich halten. Da mußte bereits für die unteren Schulklassen (es könnte ja sonst jemand zuvorkommen) sexuelle »Aufklärung« verordnet werden. Was bleibt einem Lehrer oder einer Lehrerin – gerade dann, wenn sie sich noch einen Rest von Scham bewahrt haben – anderes übrig als die rein technische Erklärung »der Sache«. Das Kind kann sich dabei gar nichts anderes denken als: »Das ist es also, nichts weiter!« Es ist naheliegend, daß es dann auch im späteren Leben dabei bleibt: beim technischen Vorgang. Andernfalls wäre die sich immer aufdringlicher zur Schau stellende Verrohung auf diesem Gebiet gar nicht erklärlich. Konsequenterweise wird dann die Verge­waltigung auch nur noch als ein physikalischer Vorgang abgetan.

Welcher Kahlschlag der Gefühle bereits in kindlichen Seelen angerichtet wird, darauf kann natürlich ein ökonomisch denkendes Zeitalter keine Rücksicht nehmen. Gnadenlos rollt die Walze der Aufklärung!

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»Die Kinder werden gehalten, sich sogar zu jenen Erfahrungen, die die am wenigsten mitteilbaren und austausch­baren, die persönlichsten und verschwiegensten sind, eines fremden Verstandes zu bedienen.« So schreibt Franz Vonessen, der dann fortfährt: »Vielleicht ist der Widerwille vieler Eltern, jene Aufklärung zu organisieren, die nun die Schule ihnen abzunehmen beliebt hat ... gerade in dem dumpfen Verstehn begründet, daß sich auf manchen Gebieten jede Führung, die über das lebendige Vorbild hinausgeht, verbietet, weil zum Reifen, zum Mündigwerden nicht zuletzt auch die Kraft, ein Problem allein zu bestehen, gehört. In der Tat gibt es Felder, wo die Selbstaufklärung durch jeden Eingriff von außen gestört werden kann, meist sogar nachhaltig.«405

Es ist ja nicht so, daß die Schüler früherer Generationen nichts über die Liebe erfahren hätten! Nur lernten sie zuerst, daß es tiefe seelische Regungen gibt, aus den Dichtungen, die oft tragisch endeten. Es kann wohl nicht sein, daß sie im übrigen unerfahren geblieben wären, sonst wären die Menschen ausgestorben. Sollten also die jetzigen Generationen nicht mehr intelligent genug sein, ohne »Aufklärung« auszukommen? Der Dichter Ovid berichtet jedenfalls über die jungen Römer: »Was sie tun sollten, lernten sie selbst, keines Lehrers bedurfte es, ohne jede Unterweisung vollendete Venus das süße Werk«. Die heutige Manie, auch die geheimnisvollsten Regungen der Natur und der Seele mit den grellsten Scheinwerfern auszuleuchten, führt zu nichts anderem als zu kulturellen Verwüstungen, zu einer Verminderung der innigsten Gefühle, zu seelischer Entropie.



Wo immer nun ein Tabu gebrochen wurde, stand bereits ein Geschäftemacher oder eine Beate Uhse bereit, um die freigegebene Zone zu vermarkten. Die »Aufklärung« dient der Wirtschaft, »die überall dort, wo <Sex> herrscht, mit Erwartung hoher Gewinne im Hintergrund steht«.406

»Wörter, die einst zarte Gefühle ausdrückten, haben ihren Glanz verloren. Einstmals erhabene oder feierliche, prägnante oder dichterische Wendungen, die man nur bei seltenen Gelegen­heiten enthüllen sollte, werden im Staub der Werbekampagnen hin- und hergezerrt, mit grobschlächtigen Imperativen vermengt, bis sie schal und schmutzig werden. Sogar obszöne Bemerkungen, die man einst für Fälle besonderer Empörung in Reserve hielt, sind so alltäglich geworden, daß sie ihre Kraft zu schockieren oder zu amüsieren eingebüßt haben.«407

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Wir leben nun zu einer Zeit, in der bald das letzte Häuflein von Fäkalien durchwühlt sein wird, was bleibt uns dann?

Der Mensch ist außerstande zu begreifen, was für ihn gut ist. Wohlgemeinte Lebenshilfen halten verschiedenste Anbieter bereit, auch solche, die sich wissenschaftlich gebärden. Sie gehören zu den »Symptomwissenschaften eines auf den Menschen gestellten Jahrhunderts«, wie sie Gertrud Höhler nennt, nämlich Psychologie, Psychoanalyse, Soziologie. Sie »öffneten die Türen, die man bis dahin teils in frommer Scheu, teils aus Traditionstreue verschlossen gehalten hatte«.408

Jahrtausende alte bewährte Lebenserfahrungen wurden in wenigen Jahren weggeworfen und gegen die schnell wechselnden Linsengerichte mechanistischer Wissenschaften eingetauscht. Eilig gedruckte Fachrezepte werfen nun Lebensanweisungen unter das Volk, die alle Ähnlichkeit mit der Gebrauchs­anleitung von Maschinen haben, die aber selten eine Hilfe für lebende Organismen darbieten. Die in der Industrie praktizierte Arbeitsteilung wird nun auch auf die Seele angewandt. So wie man die Schuhe vom Schuster, den Fernseher vom Elektriker, das Auto vom Mechaniker reparieren läßt, so geht man jetzt mit seinen psychischen Defekten zum Seeleningenieur — Verzeihung — zum Psychotherapeuten. Dies in der guten Absicht, sich eine Reparatur zu erkaufen, wobei ein jeder davon ausgeht, daß in unserem Zeitalter alles käuflich erworben werden könne.

Besser als jeder Psychotherapeut können dem Menschen jedoch vertraute Gefährten helfen. Der Gefährte widmet dem Patienten nicht dann und wann eine Sprechstunde, sondern viele Jahre seines Lebens oder das ganze Leben. Diesen Partner fand man früher in der eigenen Familie, oder es war die eigene Familie. Seit man diese Möglichkeit als eine zu naheliegende und »unwissenschaftliche« verachtet, begann die modische Suche nach Heilmethoden, die Mishan »ein gutes Stück törichter« nennt:

»denn unter diesen emanzipierten Köpfen ist es Mode, Kurse über >Persönlichkeits­entwicklung<, >Selbst­behauptungs­training<, >Erkenntnis­erweiterung<, >Vertrauensaufbau<, >Vermeidung von Stereotypen<, >Bildung schöpferischer Beziehungen< und über anderen psychologischen Kaugummi zu absolvieren... Das Ziel, ein Maximum an angenehmen Erfahrungen zu machen, verlangt, daß man dem Risiko von Sorgen oder Schmerz, das Gefühlsbindungen mit sich bringen, ganz

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einfach dadurch ausweicht, daß man sie vermeidet... Es bedarf jedoch keiner tiefenpsychologischen Finessen, um zu erkennen, daß die durch ein solch künstlich konstruiertes Verhalten bedingte Verdrängung die emotionale Entwicklung nur anhalten kann und schließlich zu Einsamkeit und Verzweiflung führen muß.«409

Angesichts des Aufmarsches der Experten (die sich natürlich unentwegt über die »richtige« Methode streiten) wird der Einzelne immer unsicherer, er läßt alles und jedes gelten, auch in Sitte und Moral. »Wahr und Falsch verwischen sich und verwischen sich immer von neuem durch die Anstrengungen einer endlosen Reihe von Wissenschaftlern und Spezialisten. Sie sind ihrerseits Opfer der gegenwärtigen Erosion des moralischen, ästhetischen und intellektuellen Konsenses, auf dem die Zivilisation des Westens beruht. Unverständlicherweise nimmt das Vertrauen intelligenter Menschen in ihr eigenes Urteil und ihren eigenen Sinn für das Zulässige ab. Die soziale Toleranz, die sie sich erwerben, ist zum großen Teil das Ergebnis moralischer Lähmung.«410

[Quelle: Gruhl, Herbert: Himmelfahrt ins Nichts - Der geplünderte Planet vor dem Ende; S. 217/218; 1-3 Aufl. März-Aug. 1992; Langen Müller Verl.]
Literaturhinweis:
Siehe auch Löbsack, Th.: Der Mensch - Fehlschlag der Natur] Beide Bücher auch in der Literaturliste: Literaturlisten-Gesamt




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