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Irrtum der Kreatur

Leben gedeiht nur gegen Widerstand

Nur aus dem Kampf des Entgegengesetzten
entsteht alles Werden. Heraklit

Es ist nahezu hoffnungslos, heutigen Zeitgenossen eine auch nur annähernde Vorstellung von der Schwere des Lebens früherer Generationen zu vermitteln. Daran scheitert dann auch jede realistische Einschätzung unserer heutigen Lage. Darum muß es kraß formuliert werden: Es ließe sich heute in der Bundes­republik Deutschland kaum eine Arbeiterfamilie finden, welche den Bezug der Wohnung des Ministers Goethe in Weimar nicht als »sozial unzumutbar« ablehnen würde. In den Worten Ortega y Gassets heißt das: »Der durchschnittliche Mensch lebt heute leichter, bequemer und sicherer als früher der Mächtigste.«382

Die gänzlich veränderten Umstände haben den Menschen in eine Lage versetzt, die schwer nachvollziehbare Auswirkungen auf seine gesamte Existenz nach sich ziehen mußte. Unzählige Widrigkeiten, die früher zu seinem täglichen Brot gehörten, sind weggeräumt. Natürlich sind dafür neue aufgetreten; aber diese sind völlig anders geartet und stellen entsprechend andere Anforderungen an seine körperlichen und seine Sinnesorgane. Vom physikalischen Standpunkt gesehen ist das Leben für die meisten so bequem geworden, daß dies medizinische Folgen haben mußte. Und die psychischen Veränderungen sind in der Regel noch viel weitreichender.

Die technische Zivilisation hat sich das Ziel gesetzt, dem Menschen die Hindernisse wegzuräumen, denen er auf seinem Lebens­weg begegnet. Die erklärte Aufgabe der Wissenschaft, der Wirtschaft und des Staates ist es, einem jeden eine glatte, schaumbelegte Bahn zu bereiten, auf der er ungefährdet dahingleiten kann. Aufgabe der Ökonomie ist es, das Fließband der Wünsche stets mit neuen Waren zu bereichern, so daß Spannungen oder Lücken gar nicht erst aufkommen, denn sie werden als Fehler dem ganzen System und dem Staat angelastet, und sie bringen angeblich sofort die ganze Gesellschaft in Gefahr. Jeder Rückschlag, jede Unlust muß daher vermieden, das Angenehme, die Lust und die Fülle als Dauerzustand eingerichtet werden.

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Ein Hauptziel dieses Buches ist, diese irrigen Vorstellungen zu widerlegen, denn sie widersprechen allen Prinzipien der Natur. Alles Leben muß sich physisch und psychisch zwischen entgegengesetzten Polen hin und her bewegen. Nichts liegt der Natur ferner als eine unbewegte statische Welt. Eine problemlose Ruhelage ist für jedes Lebewesen von Übel, auch für den Menschen.

»Hat ein Menschenkind erst den Mutterleib verlassen, so werden die Umstände, die dort seinem Wachstum förderlich waren, zur Behinderung. Nichts kann die Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses, jedes Wunsches, jedes blinden Impulses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel. In der ganzen organischen Welt beruht Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme — nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten, Hemmungen und Verzögerungen.«383 Zu diesem Resultat kommt Lewis Mumford am Schluß seines Werkes Der Mythos der Maschine.



Nur gegen Widerstände kann sich das Kind seiner selbst bewußt werden; denn jeder Widerstand ist zugleich ein Halt in der andernfalls grenzenlosen Welt. Fehlender Widerstand stellt den Menschen haltlos in den freien Raum, in die Leere. Er befindet sich dann in der Situation eines Bergsteigers, der ohne die Haken in der glatten Steilwand keinen Halt finden kann. Der Chemiker Hans Sachsse geht noch weiter und hält die Schmerzerfahrung für eine Voraussetzung der Bewußtwerdung des Ichs: »Der Schmerz ist offenbar der erste Anstoß zur Organisation des Bewußtseins von uns selbst.«384

Auf jeden Fall braucht der Mensch Reize, »er muß gefordert werden, sein Aktionspotential muß provoziert werden. Er ist konstruiert für einen harten Lebenskampf, er hat einen starken Drang nach Veränderung, um die Erstarrung, die Stagnation und das Erschlaffen in allzu bequemer Verwöhnung zu überwinden.«385

Das allgemeinste Feld der Selbstbestätigung mittels Bewältigung gestellter Aufgaben ist die Arbeit. Sie war zu allen Zeiten eine vorwiegend körperliche Tätigkeit, die gleichzeitig den Kopf beanspruchte. Sie ist in der Zivilisation für den größeren Teil der Bevölkerung nur noch Kopfarbeit. Der Körper mit all seinen vielseitigen Funktionen, die ständig geübt werden müßten, wurde weitgehend stillgelegt.

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Das führt zu einer Verschiebung des gesamten Daseinsgefühls. Zu keiner Zeit der Evolution war voraus­zusehen, daß das Gesäß einmal zum meist benutzten Körperteil avancieren würde. Darüber hinaus wird dem Körper weiterhin so viel Nahrung zugeführt wie zu Zeiten der Schwerstarbeit, ja sogar mehr, da im Überfluß und billig bereitliegt, was in früheren Zeiten mühselig selbst erjagt oder erackert werden mußte.

Die Arbeit, die eine Quelle ständiger Übung des Körpers und des Geistes und damit der seelischen Befriedigung gewesen war, ist zu einer widerwillig erbrachten Leistung degradiert, die man nur gegen gute Bezahlung tut. Die aktive Tätigkeit, die so zum Leben gehört wie die Hand zum Körper, ist nun ein potentielles Kapital, das nur dann auf dem Markt angeboten wird, wenn eine berechenbare Gegenleistung winkt. Ein lebender Körper kann aber nicht ohne Schaden für den Gesamtorganismus längere Zeit stillgelegt werden, wie das viele — natürlich längst nicht alle — im heutigen Wohlstand tun, selbst wenn sie einen Arbeitsplatz »besetzen«. »Komplementär zur Umwandlung des eigenen Planeten in einen Müllhaufen baut der Mensch auch seinen eigenen Organismus ab, insbesondere seine Umweltorgane.«386

Wenn der Körper gesund bleiben soll, benötigt er das fortwährende Training aller Organe. Nie zu hungern und nie zu frieren ist keine Voraussetzung ständiger Gesundheit, vielmehr die Ursache von Krankheiten des Körpers und der Seele. Die Alten wußten das, wie Verse des römischen Dichters Horaz beweisen:

Wer Rom-wärts aus Capua reist, triefend von Schlamm und Regen durchnäßt,
wünscht dennoch nicht, auf ewig im Wirtshaus zu wohnen;
Wen die Kälte versehrt, lobt dennoch nicht Ofen und Warmbad
Als einzig imstand, ein glücklich Leben zu schenken.387

Was ökonomisch nützlich erscheint, ist darum keineswegs biologisch nützlich – in vielen Fällen sogar schädlich. Nur teilweise deckt sich der biologische mit dem ökonomischen Nutzen. »Man glaubt gern, ein Leben, das in eine überreiche Welt hineingeboren ist, sei besser, das heißt mehr Leben als eines, dessen Hauptinhalt der Kampf gegen die Not ist.«388 Aber das ist nicht der Fall, sondern das Gegenteil: »Die Sicherheit, die der Fortschritt... zu gewähren schien, verdarb den normalen Menschen, indem sie ihm ein Selbstvertrauen einflößte, das übertrieben und daher hemmend und töricht ist.«389

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Es ist nicht nur das fatale Selbstvertrauen, wie Ortega y Gasset meinte; sämtliche Lebensumstände bekommen eine andere Richtung und verändern den Menschen und die Gesellschaft. Der Spanier führt den Gedanken fort: »Eine allzu gut ausgestattete Welt bringt zwangsläufig jene schweren Deformationen und fehlerhaften menschlichen Typen hervor, die sich unter der allgemeinen Kategorie des >Erben< vereinigen lassen; der >Aristokrat< ist nur ein Spezialfall davon, ein anderer ist das verwöhnte Kind, ein anderer, weit umfassenderer und grundsätzlicher in seiner Bedeutung der Massenmensch unserer Zeit.«389 Man kann ein Gesetz aufstellen, folgert Ortega y Gasset, »daß sich menschliches Leben nur dann gebildet und fortentwickelt hat, wenn die Mittel, über die es verfügte, mit den Problemen, die es in sich trug, im Gleichgewicht waren. Das stimmt in der geistigen wie in der physischen Welt.«

Die materiellen Mittel sind heute gewaltig, und mit ihnen hoffte man, alle Probleme wegzuräumen, allen ein glattes Dasein zu gönnen. Doch nun wird klar, daß nicht nur die ökonomischen, sondern ebenso die geistig-psychischen Probleme ein exponentielles »Wachstum« zu verzeichnen haben, so daß die Psychiater auf lange Zeit ihre Konjunktur behalten werden. Doch wer behandelt die Psychiater? Das Gleichgewicht zwischen den zur Verfügung stehenden technischen Mitteln des Menschen und den lebensnotwendigen Herausforderungen, die sein Körper und seine Psyche benötigen, ist gründlich gestört. Die Heraus­forderungen sind die falschen, das heißt die, welche sich aus dem Streß der technischen Zivilisation ergeben. Weil nun jeder die nervlichen Überanstrengungen täglich erfährt, glaubt der Zivilisations­mensch unserer Tage, sein Heil bestünde in der Beseitigung der Anstrengungen überhaupt.

Dabei sind es gerade die Herausforderungen und harten Prüfungen gewesen, die den Menschen zu einem Kulturwesen gernacht haben. Aus purer Not hat er sich ursprünglich über das Tierreich erhoben; denn er war gezwungen, »ein intensiveres und anstrengenderes Leben als die Mehrzahl der anderen Tiere zu führen.«390 Arnold Toynbee sah in jeder Kultur das Ergebnis der Herausforderung durch die harte Umwelt. Und Sigmund Freud führte die Kultur zum Teil auf die Sublimation des Sexualtriebes zurück.

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Im Luxus dagegen sah schon der zivilisationskritische Schriftsteller Henry David Thoreau (1817-1862) etwas durchaus Entbehrliches und darüber hinaus ein Hindernis für den Aufstieg der Menschheit. Vom einzelnen Menschen sagte er, daß dieser um so reicher sei, je mehr Dinge zu entbehren ihm gelänge. Heute wird in den Wohlstandsländern jedes Kind in eine Umwelt hineingeboren, in der von vornherein alles verfügbar ist. Mangel, Hunger und Not werden zu keiner Zeit am eigenen Körper erfahren.

Zu allen Zeiten haben die Weisen unter den Aristokraten sich selbst und ihren Kindern ständig Anstrengungen auferlegt. Nur dadurch konnten sie sich vor dem Verfäll schützen, der gerade ihnen drohte, da sie sich schließlich auch ein ständiges Wohlleben hätten leisten können. Heute verfallen die emporgekommenen Familien in immer kürzerer Zeit, weil sie die Weisheit der Beschränkung nie gelernt haben. Sie protzen mit ihrem Reichtum und - was verderblicher ist - sie lassen ihre Kinder damit protzen. Sie haben es allerdings auch schwerer, ihre Kinder heute zur Bescheidenheit zu erziehen, da diese bei jedem Schritt aus dem Hause von schlechten Beispielen umringt sind.

Wird es der durch den Wohlstand korrumpierte Normalbürger jemals begreifen, daß menschliches Leben, wie jedes Leben, unter Anstrengungen besser gedeiht als in der Fülle? In vielen Diskussionen wird entgegengehalten, daß vom Menschen Vernunft und Selbstbeschränkung selbst dann nicht zu erwarten seien, wenn die Gefahren unmittelbar drohten. Andererseits haben zu allen Zeiten einzelne und auch Gruppen Beispiele der Selbstbeschränkung, der Askese und auch der Selbstaufopferung gegeben, die gültig bleiben werden. Sie erscheinen heute allerdings unverständlich, denn sie konnten keinen »Marktwert« gewinnen. Gegenwärtig ist die Feststellung leider unumgänglich: Wenige leben Diät, andere fressen oder trinken sich buchstäblich zu Tode. (Alles in allem ein weiterer Beweis für die Ungleichheit der Menschen.)

Wer sich selbst beschränkt und wer sich selbst zu Leistungen zwingt, gehört zum aktiven Kern der Gesellschaft. Der passive Teil wurde früher durch die Umstände zum körperlichen Einsatz gezwungen und damit gleichzeitig vor Ausschweifungen bewahrt. Jetzt sind die existentiellen Anforderungen in den modernen Industrie- und Sozialstaaten weit geringer; ein gewisser Wohlstand kann auch ohne besondere Anstrengungen erreicht werden.

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»Während der Periode harter Arbeit haben wir uns daran gewöhnt, in der Steigerung der Entlastung, der Bequemlichkeit, ein Ziel zu sehen. Dieses Ziel aber erweist sich als ein Reinfall, ohne daß uns das bewußt wird. Ohne Zwang oder den Reiz zur Aktivität fehlt uns etwas, fehlt uns ein Betätigungsfeld... Das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Beruhigung, zwischen Abwechslung und Gleichmaß, ist empfindlich gestört.« Wo ihm die Notwendigkeit der Daseinserhaltung abgenommen wird, da verkommt der passive Mensch. Daraus folgert der Psychologe Reinhard Schulze: »Wenn es gelingt, jeden Menschen vor Aufgaben zu stellen, die seine Gaben und Fähigkeiten herausfordern, und wenn es darüber hinaus gelingt, ihm die Überzeugung zu vermitteln, daß er auf diesem Platz gebraucht wird, dann hat er die echte Chance, zu seiner persönlichen Selbstverwirklichung zu finden.«391

Der Mensch der Industrienationen lebt heute wie sein eigenes Haustier: er ist domestiziert. Da die menschlichen Generationen ziemlich lang sind, werden sich die Folgen dieser Lebensweise erst viel später herausstellen. Es ist zu befürchten, daß es zu ähnlichen Erscheinungen kommen wird, wie sie bei der Wanderratte beobachtet werden konnten. Diese wurde um 1800 domestiziert. Mitte des 19. Jahrhunderts war dann eine Rasse von Albinoratten entstanden: ohne Zähne, ohne Fell, fettleibig, mit grauem Star. Ihre Lebensbedingungen waren die gleichen wie im heutigen Wohlfahrtsstaat: »reichlich Nahrung, keine Gefahren, keine Belastung, Gleichförmigkeit von Umwelt und Klima.... Aber unter diesen scheinbar günstigen Bedingungen trat ein organischer Verfall ein: Verkleinerung der Nebennieren, die dem Körper Streß und Müdigkeit bekämpfen und gewisse Krankheiten abwehren helfen; zugleich ließ die Tätigkeit der Schilddrüse, des Stoffwechselregulators, nach. Es ist wohl kein Wunder, daß das Gehirn der Hausratte kleiner und wahrscheinlich auch ihre Intelligenz geringer ist. Hingegen reifen die Geschlechtsdrüsen früher, werden größer, aktiver und bewirken schließlich eine höhere Fruchtbarkeitsrate.«390

Schon früher hatte der Biologe Patrick Gedden die Bedingungen für die Degeneration in der organischen Welt ermittelt. Sie sind von zweierlei Art: »Entzug von Nahrung, Licht usw., was zu Unterernährung und Entkräftung führt; die andere – ein Leben in Untätigkeit, verbunden mit überreichlicher Nahrung und verminderten Umweltgefahren. Es ist bemerkenswert, daß im ersten Fall nur der jeweilige Typus dezimiert oder schlimmstenfalls ausgerottet wird, während im zweiten die ungenügende Inanspruchnahme des Nervensystems und anderer Systeme infolge einer solchen Lebenserleichterung zu einer weit tückischeren und gründlicheren Degeneration führt, wie aus der Entwicklungsgeschichte von Myriaden Parasiten abzulesen ist.«

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Mumford schließt daraus: Der Versuch, »ein Leben herbeizuführen, das möglichst wenig Denken, physische Anstrengung und persönliche Anteilnahme erfordert«, führe schließlich zu Infantilität und Senilität.392 Die Entwicklung drohe so weiterzugehen, »bis schließlich eines Tages die Merkmale der Infantilität in die der Senilität übergehen werden, ohne eine Lücke zu lassen für etwas, das man rechtens als reifes, selbstbestimmtes und erfülltes Leben bezeichnen könnte. ... Nichts ist augenfälliger in der gesamten Menschheitsgeschichte als die chronische Unzufriedenheit, das Unbehagen, die Angst und die psychotische Selbstzerstörung der herrschenden Klassen, sobald sie >alles haben, was das Herz begehr«. Denn die herrschende Minderheit, das Häuflein der Privilegierten erlitt stets, was letztlich der Fluch einer solchen sinnlosen Existenz ist: schiere Langeweile.«392

Obwohl die Bequemlichkeit schon weit fortgeschritten ist, werden ständig neue Erfindungen angepriesen, die es gestatten, alle Wünsche auf Knopfdruck zu befriedigen. Doch was keine Mühe kostet, verstärkt die Langeweile. »Es ist ein Gemeinplatz menschlicher Erfahrung, daß selbst die Erfüllung unserer höchsten Wünsche uns selten die erwartete Freude oder Lust bringt.«393 Sie bringt die Befriedigung besonders dann nicht, wenn keine eigene Leistung dafür erbracht zu werden brauchte. Darum sind die Gewinner in der Lotterie ganz selten glückliche Menschen geworden. Dies lag natürlich auch daran, daß sie in ihrer Unerfahrenheit mit dem plötzlich zugefallenen Reichtum nichts Vernünftiges anstellten, sich sogar oft ins Unglück stürzten; denn sie hatten vorher keine Gelegenheit, in ihre Aufgabe hineinzuwachsen. Es lag aber ebenso daran, daß ihnen dieser Zufall nicht das befriedigende Gefühl der Selbstbestätigung auf Grund eigener Leistungen brachte. Hier begegnen wir wieder der Erkenntnis, die dem »Schatzgräber« Goethes zuteil wurde: Nur saure Wochen machen die folgenden Feste froh.

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Selbstverständlich ist nicht zu leugnen, daß auch das zivilisatorische Leben höchster Anspannung unterliegt. Aber es ist ein entnervender Streß, der an die Stelle der (altmodischen) körperlichen Anstrengungen getreten ist. Ihm folgt nicht der heilsame Schlaf; dafür benötigt man Schlafmittel. Und die psychische Belastung wird mit Psychopharmaka und mit Drogen bekämpft. Auf Grund aller heutigen Lebensumstände schwindet die Fähigkeit, »jene Freude zu erleben, die nur durch herbe Anstrengung beim Überwinden von Hindernissen gewonnen werden kann. Der naturgewollte Wogengang der Kontraste von Leid und Freude verebbt in unmerklichen Oszillationen namenloser Langeweile.«394

Eine große Fatalität waltet im modernen ökonomischen System. Das System kann nur dann »erfolgreich« sein, wenn es dem Menschen eine Anstrengung nach der anderen abnimmt, um sie durch Automaten und verwöhnende Konsumgüter zu ersetzen. Aber gerade diese »Befreiung« gereicht den Betroffenen nicht zum Wohle, obwohl sie das immer noch glauben. Ja sie sind so in ihrem Irrtum befangen, daß ich auf ihre wütenden Proteste auf diese Zeilen schon gefaßt bin. Damit sie auch brav weiter in ihrem Irrtum verharren, wirft die Wirtschaft in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland jährlich rund 40.000 Millionen DM für Werbung aus. Das sind rund 4 Prozent vom Bruttosozialprodukt oder 666 DM je Kopf zu seiner Verdummung. Historiker sollten die Geschichte aller Kulturen untersuchen, ob es das schon einmal gegeben hat: eine umfangreiche Werbeindustrie, um die Produkte der Industrie loszuwerden. Zum Vergleich: Für den Umweltschutz werden 2 Prozent des Bruttosozialprodukts ausgegeben.

Und die Ärzte und Psychologen, die um die Schädlichkeit des Überkonsums wissen müßten, sagen zwar hier und da etwas dagegen; aber ihr Einkommen steigt nicht mit der Gesundheit, sondern mit der Krankheit. Wer kann es ihnen auch in einer total vermarkteten Welt verdenken, daß sie zum großen Teil ebenfalls marktgerecht denken?

Dies ist der kreatürliche Irrtum: Der Durchschnittsmensch zeigt sich außerstande zu erkennen, was für ihn gut ist. »Während in der Vergangenheit das Leben für den Durchschnittsmenschen gleichbedeutend war mit Schwierigkeiten, Gefahren, Nöten, Schicksalsenge und Abhängigkeit auf allen Seiten, erscheint die neue Welt gesichert, als ein Bereich praktisch unbegrenzter Möglichkeiten, wo niemand von niemandem abhängt. Dieser erste und dauernde Eindruck formt jede zeitgenössische Seele, wie der entgegengesetzte unsere Vorfähren formte.«395

Allerdings sind andere Abhängigkeiten in großer Zahl an die Stelle der alten getreten, und die »Befreiungen« zeigen immer mehr ihr zwiespältiges Gesicht.
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[Quelle: Gruhl, Herbert: Himmelfahrt ins Nichts - Der geplünderte Planet vor dem Ende; S. 217/218; 1-3 Aufl. März-Aug. 1992; Langen Müller Verl.]
Literaturhinweis:
Siehe auch Löbsack, Th.: Der Mensch - Fehlschlag der Natur] Beide Bücher auch in der Literaturliste: Literaturlisten-Gesamt



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