Die Wunde öffnet dich für dein wahres Selbst. Die Wunde hält dich lebendig. Sie zwingt dich, weiter an dir zu arbeiten und zu wachsen. Die Wunde verweist dich auf Gott, den wahren Arzt für deine Seele. Betrachte deine Wunden und entdecke in ihnen das Leben, das in dir strömt.”
Wenn ich gegen die Angst kämpfe, werde ich immer von ihr verfolgt werden. Wenn ich vor Gott mit meiner Angst spreche und sie zulasse, wenn ich sie befrage, wovor ich genau Angst habe, was der eigentliche Kern meiner Angst ist, dann steige ich immer tiefer in meine Angst hinein. Und auf dem Grund meiner Angst kann ich einen tiefen inneren Frieden erleben. Auf dem Grund meiner Angst kann ich Gott erfahren als den, der mich mit meiner Angst annimmt. Ich bin mit meiner Angst in seiner guten Hand. Oder wenn ich meine Empfindlichkeit nehme: Ich gebe sie zu.
Wenn wir aber nicht zu hause sind, können wir auch nicht gefunden werden: “Gott besucht uns häufig, aber meistens sind wir garnicht zu Hause”
Der heutige Mensch ist auf der Flucht. Er flieht vor Gottes Liebe und vor sich selbst. Er schottet sein Herz ab mit dicken Mauern aus Materie, aufgeschichtet aus tausend nichtigen Dingen.
Das Thema Angst ist seit langem in aller Munde. Hektik und Betriebsamkeit des modernen Menschen können nicht darüber hinwegtäuschen. Ebensowenig die das ganze Jahr über - speziell dann aber zu Urlaubszeiten - übliche “Flucht vor sich selbst”.
Nur wenn wir unsere Wunden und auch unsere Ängste annehmen, können wir in unserer Sebstwerdung voranschreiten. Für Hildegard von Bingen besteht die Kunst menschlicher Selbstwerdung darin, daß unsere Wunden zu Perlen verwandelt werden. Dort, wo ich verwundet bin, bin ich auch sensibel für die Menschen. Ich verstehe sie besser. Und noch mehr: Wo ich verwundet bin, komme ich in Berührung mit dem eigenen Herzen, mit meinem wahren Wesen.
Literaturhinweise:
1. Bewußtsein, Natur & Heilen, November 2006 2. Anselm Grün: Buch der Lebenskunst, Herder, 2002 3. Michael Jüliger: Die Hand die mich hält, 1988 4. Michael Jüliger: Pastoralpsychologie Bd. 13 5. Schriften von Hildegard von Bingen
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