Auf dieses Wort stieß Rul immer wieder. Und immer wieder ging er ihm aus dem Wege. Zunächst meinte er, es sei das Gestelzte, das Biedertöpfische, die Gartenlaube, der Hausrock, die lange Pfeife und der Zwicker auf der Nase, der leichte Modergeruch, die ihn fernhielten. Es war sozusagen alt-modisch. Dabei zog ihn das Wort aber auch an. Vielleicht war es die phonetische Nähe zu den Musen, die Rul schon immer für ein hochsympathisches, angenehmes Ensemble gehalten hatte. Er wollte der Sache auf den Grund gehen. Er stieß auf das Wort "müßig". Etwas ist müßig. Man braucht es nicht zu tun, es ist sowieso umsonst. War es das? Oder das "Müßigsein". Das war ja etwas sehr Verwerfliches. Müßigsein = Faulenzen = Nichtstun = nicht nützlich sein. So war er nicht erzogen worden. So lebte er auch nicht. Sinn mußte das Ganze schon haben, und ein Ziel. "Müßiggang ist aller Laster Anfang" Da hatte er es. Dabei hielt Rul "Faulheit" mittlerweile für ein erstrebenswertes Lebensziel, wenigstens zeitlich begrenzt, wie er entschuldigend hinzufügte. Aber schon damit machte er sich suspekt. Jemand, der so etwas vertrat, konnte kein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein. Hier begann der Abstieg. Da brauchte man sich ja nicht zu wundern.
Und die Muße, die an dem allen schuld war, konnte nur eine Stadtstreicherin sein. Rul bemühte die Lexika. War das wirklich so? Er entdeckte, daß es Lexika gab (auch ein zehnbändiges...), die das Wort einfach gestrichen hatten. Die Muße gab es nicht mehr. In einem vielbändigen Lexikon von 1853 füllte das Wort immerhin noch einige Seiten (also doch altmodisch). Im dtv-Lexikon von 1990 findet sich dann kurz, aber essentiell: Muße [ahd. muoza freie Zeit], ein Grundbegriff der abendländischen Denktradition: die Zeit der Besinnungen auf das eigene Selbst und seiner Möglichkeit, sich in der Kultur schöpferisch zu finden. In ihr wirkt der Widerstand des Menschen gegen die Gefahr, zum reinen Funktionär der Arbeitswelt zu werden. M. ist unentbehrlich für eine sinnvolle menschliche existenz und damit Fundament einer wahren Kultur. Dies findet u.a. darin seinen Ausdruck, daß die Stätte des Lehrens und der Menschbildung lat. "schola" (von grich. schole "Muße") heißt." Das war ein Volltreffer. Das war Ruls Situation. Er stand in der Gefahr, zum reinen Funktionär der Arbeitswelt zu werden. Deshalb hat er sich auf die Suche begeben. Das machte ihn aber subversiv. Sollte das mit dem "Anfang allen Lasters" nicht richtig sein? Mußte er es bekämpfen, unterwandern, umgehen, umbauen? Er hatte das Gefühl, er bekam etwas Boden unter die Füße Die Richtung war klarer. Der Weg war war noch unsicher und wahrscheinlich schlüpfrig. Ein Sprichwort der Japaner fiel ihm ein: "In der Zeit, in der man klagt, kann man viel tun."
Also, "Besinnung auf das eigene Selbst" und Suche nach "Möglichkeit, sich in der Kultur schöpferisch zu finden". Bis jetzt war das Ruls Traum. Noch einmal die Japaner: "Nur die Träume sind wichtig, das andere ist Formsache!" (1)
xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx Muße, spezifische Form schöpferischer Verwendung von Freizeit; Möglichkeit und zugleich Grundbedingung der Selbstfindung, der (kreativen) Selbstverwirklichung wie auch der gesellschaftlichen Partizipation und der Verwirklichung von Kultur und Kunst.
© Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG, Mannheim 2001 xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx
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