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Wer im Egoismus gefangen...

Schopenhauer: Wer im Egoismus gefangen...

Aus dieser Quelle geht endlich auch Schopenhauers
ethisches Endziel: die Verneinung des Willens zum
Leben, hervor. Wer, im Egoismus befangen, stets nur
die einzelnen Dinge in Raum und Zeit und ihr Ver-
hältnis zu der eigenen Person erkennt, wird sie zu
immer erneuerten Motiven seines Wollens machen;
die Erkenntnis des Ganzen, des Wesens der Dinge
dagegen wird zum Quietiv allen und jeden Wollens,
führt zur freiwilligen Resignation, zur wahren Gelas-
senheit und gänzlichen Willenlosigkeit. Die Tugend
wird nun zur Askese, wie sie das Urchristentum64,
die deutsche Mystik, die Bettelmönche und die Bud-
dhisten preisen, zur freiwilligen Keuschheit, Armut,
Nächstenliebe, Selbstverleugnung, Sanftmut, Geduld,
Vergeltung des Hasses mit Liebe und Wohltun, kurz
zur Heiligkeit. Trotz aller Enthaltsamkeit und aller
Entbehrungen wird der »Heilige« voll innerer Freu-
digkeit, unerschütterlichen Friedens und wahrer
»Himmelsruhe« sein, und zwar nicht auf Augen-
blicke, wie beim Genuß des Schönen (s. o.), sondern
auf immer, »bis auf jenen letzten glimmenden Funken
(sc. der Lebensbejahung), der den Leib erhält und mit
ihm erlöschen wird«. Ihn kann nichts mehr ängstigen,
nichts mehr bewegen, »ruhig und lächelnd blickt er
zurück auf die Gaukelbilder dieser Welt, die einst
auch sein Gemüt zu bewegen und zu peinigen ver-
mochten«. Freilich strebt, das muß Schopenhauer un-
mittelbar darauf zugestehen, der Wille zum Leben
immer wieder, voll in Wirklichkeit zu treten, »so
lange der Leib lebt«; »dauernde Ruhe kann auf Erden
keiner haben«, immer aufs neue wird er Anfechtungen
und Seelenkämpfe zu überwinden haben. Selbstka-
steiung ist deshalb zur »anhaltenden Mortifikation«
des Willens notwendig, wie denn überhaupt große
[Vorländer: Geschichte der Philosophie, S. 1338. Digitale Bibliothek Band 3: Geschichte der Philosophie, S. 8338 (vgl. Vorländer-Gesch. Bd. 2, S. 359-360)]


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