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Tiefenpsychologisch

Einführung

Die psychoanalytische Neurosentheorie (Neurosenlehre) Tiefenpsychologisch:
Die psychoanalytische Neurosentheorie impliziert die schon geschilderten Auffassungen. Sie stellt heute nach einer etwa 80jährigen Entwicklung die geschlossenste und beobachtungsreichste Konzeptbildung zu Entstehung, Verlauf und Therapie von Neurosen dar. Bei näherem Hinsehen findet sich aber auch erhebliche Heterogenität, die generell ein Mangel der gesamten psychoanalytischen Theorie ist. In ihrer Grundauffassung sieht die Psychoanalyse die Neurosen als Kompromißbildungen, Lösungsversuche,
Folgezustände von reaktivierten, unbewußten infantilen Konflikten. Damit ist folgendes gemeint: Die Art der Verarbeitung der unvermeidlichen infantilen Konflikte (in erster Linie solche der Abhängigkeit, Autonomie, Selbstwertthematik, Aggression, Sexualität) führt zu »Fixierungen« an bestimmte Konfliktthemen, an bestimmte Entwicklungs»orte«. Über die Fixierung entscheiden vor allem die Variablen Verwöhnung und Versagung, wobei der Frustration die größere Bedeutung zukommt. Freud: »Die Menschen erkranken neurotisch infolge der Versagung« (GW Bd. 10, 370). Am Beginn der Neurose des Erwachsenen steht eine auslösende Situation, die in der Regel eine strukturelle Ähnlichkeit mit der unbewältigten infantilen Konfliktsituation hat (z. B. Versuchungs-, Versagungs-, Kränkungs-, Trennungssituationen u. a.). Durch die »Regression«, von der sich der Patient unbewußt eine Verbesserung erhofft, kommt es zu einer Reaktivierung des pathogen gebliebenen infantilen Konfliktpotentials (»Komplexe«) und damit zu einer Erhöhung der psychischen Spannung, die sich als Angst darstellt. Durch die Signalfunktion der Angst werden nun die Möglichkeiten des Ich zur Unterdrückung von Angst aktiviert (»Abwehr«, »Abwehrmechanismen«), deren wichtigster und bedeutendster die »Verdrängung« ist.
Angst kann somit als Motor der Verdrängung und
der gesamten Abwehr bezeichnet werden, und der Angstvermeidung kommt die Rolle eines zentralen Motivs in der psychoanalytischen Neurosenpsychologie zu. Freud ging von vier Grundängsten aus: der Angst vor Objektverlust, der Angst vor Liebesverlust, der Kastrationsangst (das ist die phantasierte Angst vor Verlust des Penis auf dem Höhepunkt des ödipalen Konfliktes; beim Mädchen werden analog diffusere Verletzungsängste beobachtet) und der Überichangst. Das durchbrechende Symptom ist ein Versuch des Ichs, den verschiedenen Kräften (Gewissensinhalten, Triebimpulsen, Ichmöglichkeiten, äußere soziale Realität) gerecht zu werden. Es ist in den Worten Freuds ein »Kompromiß« zwischen den verschiedenen Faktoren, ein mißlungener »Heilungs- und Rekonstruktionsversuch« (GW Bd. 13, 389). Neuere Betrachtungsweisen betonen in der Symptombildung den finalen Versuch, eine erträglichere Selbstwahrnehmung herzustellen. Auch wenn die (mißlungene) »Lösung« im Symptom letztlich unzureichend ist, legt man heute den Akzent darauf, daß das Symptom die nach den individuellen Möglichkeiten jeweils beste Organisationsform eines psychischen Konfliktes ist. Mit anderen Worten: Abwehr und Neurose werden zunehmend weniger unter dem Aspekt der Pathologie als dem der Ichmöglichkeiten betrachtet. Die Neurose ist damit aus dynamischer Sicht ein Sonderfall desProblemlöseverhaltens bei inneren Konflikten (Darstellung der psychoanalytischen Neurosentheorie bei Fenichel, 1974-1977, drei Bände; Kuiper, 1969; Loch, 1983).
Das klassische, vom intrapsychischen Konflikt ausgehende Neurosenmodell ist in den letzten 15 Jahren erweitert worden. Es war wohl die Auseinandersetzung vor allem mit den sogenannten narzißtischen Störungen und den Borderline-Zuständen (s. u.), die ein Verständnis der Genese neurotischer Erscheinungen als persistierende Trauma-Folgen, als Schädigungen der psychischen Basis-Strukturen und kompensatorischen (aber unzureichenden) Ausgleichsversuchen durch Symptombildungen nahelegte. Dieser Störungstyp, der im klinischen Jargon oft als »frühe Störung« bezeichnet wird - wobei die unkritische Annahme zugrundeliegt, daß »schwer« in der Folge automatisch »früh« in der Entstehung bedeutet -, wird von Fürstenau (1977) mit dem Begriff »strukturelle Ich-Störung« benannt. A. Freud (z. B. 1979) bevorzugt den Terminus der »Entwicklungsstörung« (im Gegensatz zur Neurose). Hier erwächst einer der interessantesten zeitgenössischen Beiträge zur psychoanalytischen Neurosentheorie.
[Psychoanalyse (Sven O. Hoffmann): Digitale Bibliothek Band 23: Handwörterbuch Psychologie, S. 2631 (vgl. HWB Psych., S. 582) (c) Psychologie Verlags Union][142]




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