|
|
 |
 |
 |
 |
|
Psychologie | Psychologie läßt sich nicht...
|
Routine im Alltag lässt die Zeit rasen
|
Altern:
|
Tutzing (ddp). Je älter ein Mensch wird, desto schneller vergeht die Zeit - zumindest kommt es einem so vor. Erscheinen die Tage der Kindheit im Rückblick endlos, rasen die Wochen im Erwachsenenalter nur so dahin. Auch ältere Leute klagen darüber, dass die Zeit vergeht wie im Flug. Doch woran liegt das? Kinder hätten ein anderes Zeitempfinden, weil sie jeden Tag Neues entdeckten und ständig Unbekanntes verarbeiten müssten, sagt der Tutzinger Ökonom und Zeitforscher Martin Held. Dadurch erfordere jeder Augenblick eine größere Präsenz. Jeder Moment werde intensiv wahrgenommen. Jeder Tag scheint daher lang zu sein. "Wenn wir älter werden, wird vieles zur Routine. Dadurch kommt es uns so vor, als würde die Zeit schneller vergehen", erläutert der Wissenschaftler. Kinder würden in einem anderen Zeitrahmen leben als Erwachsene. Neugeborene haben beispielsweise zunächst einen Vier-Stunden-Rhythmus von Essen und Schlafen. Dass Zeit gleich Uhrzeit oder Kalenderzeit bedeutet, erfahren Heranwachsende erst mit zunehmender Sozialisierung. Sie haben daher noch kein ausgeprägtes Gefühl für Pünktlichkeit, vergessen über intensives Spiel beispielsweise die Zeit. Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass die subjektive Lebensmitte bei etwa 18 Jahren liegt. In der Jugend machen wir wichtige Erfahrungen, die uns für unser Erwachsenenleben prägen. Daher kommt uns die Zeit des Erwachsenwerdens im Nachhinein als besonders lang vor. Hinzu kommt ein weiterer Effekt. Wenn Menschen älter werden, denken viele über die Zeit nach, die ihnen nach der durchschnittlichen Lebenserwartung vermutlich noch bleibt. Held: "Sie sitzen dann wie vor einer Sanduhr und sehen, wie die verbleibende Zeit abnimmt." Die Zeit "verrinnt" unaufhaltsam und scheinbar zu schnell, um sie mit den Dingen zu füllen, die wir noch vorhaben. "Je mehr Pläne und Ziele wir haben, desto schneller vergeht nach unserem subjektivem Empfinden die Zeit", sagt Professor Ursula Staudinger, Psychologin an der International University Bremen. Eine Berliner Altersstudie mit Menschen zwischen 70 und 103 Jahren belege, dass sich die "gefühlte" Zeit im sehr hohen Alter wieder verlangsame. "Es werden nicht mehr so viele Pläne verfolgt und die Orientierung ändert sich", beschreibt die Expertin das Phänomen. Das heißt: Die Menschen sind durch ihren Körper stärker beeinträchtigt und setzen sich intensiver mit dem eigenen Tod auseinander. "Alte Menschen leben nicht in der Vergangenheit, sondern intensiv im Jetzt", räumt Staudinger mit einem bekannten Vorurteil auf. Man müsse allerdings zwischen dem momentanen Zeitempfinden und der Rückschau unterscheiden, so die Psychologin: "Hier ist eine paradoxe Wendung festzustellen." Erleben wir beispielsweise eine Lebensphase voller Projekte und Aktivitäten, rennen die Stunden und Tage nur so dahin. In Rückblick betrachtet komme uns die Zeit oft sehr ausgefüllt und lang vor. Grundsätzlich würden Hektik und Stress dazu führen, dass die Zeit gefühlsmäßig rast. Die Zeitforscher raten, einen Gang zurückzuschalten, sich sozusagen Zeit zu nehmen.
|
|